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Lesbisch sein in ...

 

 

 

Nieder-sachsen

 

 

 

 

 

Interview mit

 

Friederike Wenner

Queeres Netzwerk Niedersachsen QNN

 

 

 

Interview: Christine Stonat (11/2017)

Fotos: Kerstin Rolfes

 

 

 

 

 

weird: Aktive verbinden und Fördermittel vermitteln: Du bist Geschäftsführerin des Queeren Netzwerks Niedersachsen QNN. Was ist das Netzwerk und was sind seine genauen Aufgaben?

 

Friederike Wenner | QNN: Das Queere Netzwerk in Niedersachsen ist einerseits der seitens des Landes seit 1992 anerkannte und mit der begleitenden Koordination der Fördermittel beauftragte Partner. Im QNN vernetzen sich dazu alle Akteur_innen die mit queerem Schwerpunkt arbeiten. Also Vereine, die beispielsweise ein queeres Zentrum betreiben, Stammtische, Selbsthilfegruppen, CSD-Teams, Erwachsenenbildung, die SchLAu-Schulaufklärungsprojekte, der Landesverband intersexueller Menschen, der LSVD-Landesverband und und und … Für das Sozialministerium sind wir die Expert_innen im Hintergrund für die Bedarfe der queeren Community, die in den Bereich Gesundheit und Gleichstellung fallen. Gesundheit vor allem außerhalb der Prävention sexuell übertragbarer Infektionserkrankungen, die ja meist von den AIDS-Hilfen mit eigenem Netzwerk geleistet wird.

 

Seit Anfang 2017 koordiniert und konzipiert das QNN gemeinsam mit dem Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung die Kampagne „Für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt* in Niedersachsen“, in der wir selbst auch einer der Träger für landesweite Modellprojekte wurden. Normalerweise werden die geförderten Projekte von Institutionen und Vereinen im ganzen Land geplant und realisiert. Das ist für uns ein ganz schön großer Entwicklungsschritt in kurzer Zeit gewesen, dass wir jetzt selbst größere Projekte entwickeln und umsetzen.

 

 

 

weird: Seit wann gibt es das Queere Netzwerk Niedersachsen QNN und wann und wie wurdest du Teil des Netzwerks und Geschäftsführerin?

 

Friederike Wenner | QNN: Das QNN in seiner jetzigen Form mit den vier Interessengruppen trans*, inter, lesbisch und schwul, die wiederum eigene Sub-Netzwerke im QNN haben, gibt es formal seit Ende 2012 und 2013/14 entwickelte sich die innere Struktur mit den Netzwerken weiter. Der QNN e.V. hieß vorher SFN e.V. und war das Schwule Forum Niedersachsen, das jetzt als Netzwerk im Netzwerk fortbesteht. Das SFN wurde schon Anfang der 1990er Jahre gegründet und hat die ganze Aufbauarbeit mit der Zusammenarbeit im Ministerium geleistet. Lesbische Bedarfe wurden in einer anderen Abteilung und auf anderen Wegen berücksichtigt. Trans* und inter spielten bis zum Regierungswechsel 2013 noch keine Rolle. Ich bin seit April als zweite Geschäftsführerin neben Thomas Wilde, dem Urgestein und Mitbegründer des SFN, an Bord. Wie ich das wurde ist sehr schlicht erzählt: das QNN hat die Stelle ausgeschrieben und ich habe mich beworben. Da ich in der Anfangsphase von LiN – Lesbisch in Niedersachsen 2013/14 dabei war und viele Jahre ehrenamtlich regional und in der CSD Nord-Kooperation aktiv gewesen war, kannte ich das SFN oder QNN und viele Aktive im Land schon. Dass ich das mal beruflich machen würde, war aber weder mein Plan, noch absehbar.

 

Die Entscheidung des Landtags Ende 2016 für den Haushaltsposten der Kampagne zu stimmen, war ehrlich gesagt für uns alle eine sehr, sehr unerwartete, große und freudige Überraschung. Wir waren davon ausgegangen, dass es bei der vergleichsweise überschaubaren Förderung der Antidiskriminierungsarbeit und für die Beratung bleiben würde, die immer voraussetzte, dass viel Arbeit unentgeltlich in Ehrenamts-Strukturen geleistet wird.

 

 

 

weird: Was sind die Ziele des Queeren Netzwerks Niedersachsen QNN?

 

Friederike Wenner | QNN: Unser Ziel ist es, dass die vom Land bei der Förderung berücksichtigen Maßnahmen bedarfsgerecht, die Vorarbeit zur Fördermittelvergabe des Landes partizipativ und transparent und die Projekte in der Gesamtbetrachtung ausgewogen sind. Dafür hat bei uns gerade auch nochmal eine Arbeitsgruppe für ein Jahr daran gearbeitet, die Vertretungsstrukturen im Vorstand und im Rahmen des Zugangs zur Mitgliedschaft ausführlich auszuarbeiten. Langsam aber sicher haben wir uns vom Schwulen Forum wirklich zu einem Queeren Netzwerk entwickelt. (Queer immer in der etwas schlichten Bedeutung als Oberbegriff für alle Menschen, die nicht in der Heteronormative beheimatet sind.)

 

Mit den geförderten Maßnahmen werden wiederum Ziele erreicht, die Akteur_innen, wie die CSD-Demonstrationen und Interessenverbände, wie der LSVD oder auch unsere Sub-Netzwerke „auf der anderen Seite“ in die Politik tragen. Wir arbeiten also sozusagen am „Output“ des politischen Willens, mit der Exekutive zusammen. Für die Kampagne hat das Ministerium seinerseits eine landesweite Erhebung an der Basis gemacht, mit Runden Tischen und vertiefenden Interviews. Die dabei zusammengetragenen 74 Handlungsempfehlungen pflegen wir jetzt weiter, verarbeiten sie und kümmern uns um die Umsetzung und die Prioritäten.

 

 

 

weird: Wie viele Mitglieder gibt es und wer kann Mitglied werden?

 

Friederike Wenner | QNN: Ordentliche Mitglied werden können die rund 100 bis 120 Gruppen, Vereine und Institutionen, die die Arbeit mit und für LSBTIQ* leisten. Davon sind knapp die Hälfte auch aktuell Mitglied bei uns. Die Stammtische und Gruppen ohne Rechtsform und eigenen Verein müssen ihre Mitgliedschaft jedes Jahr erneuern, damit wir wissen, dass es sie noch gibt und sie aktiv sind. Es ist übrigens nicht nötig, Mitglied zu sein, um einen Förderantrag zu stellen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Darüber hinaus können kooperierende Mitglieder auch solche Institutionen werden, die zwar in ihrer Arbeit keinen queeren Schwerpunkt haben, aber mit dem QNN eng zusammenarbeiten oder ihre Haltung zum Ausdruck bringen wollen. In den Netzwerken der Interessengruppen kann jedermensch teilnehmen und sich einbringen. Auch die Vorstandsämter sind Personenwahlen und keine rein institutionellen Posten.

 

 

 

weird: Das Queere Netzwerk Niedersachsen QNN als Dach unterteilt sich in vier weitere Netzwerke, die die Interessen von lesbischen, schwulen, trans* und inter* Menschen vertreten. Du bist Vertreterin des Netzwerks LiN Lesbisch in Niedersachen und verantwortlich für das Netzwerk TiN Trans* in Niedersachsen. Was sind deine Aufgaben hier?

 

Friederike Wenner | QNN: TiN ist seit September wieder in der Selbstvertretung und wird von Mara Otterbein als Landeskoordinatorin verantwortet. Das freut mich sehr, dass wir da so schnell eine kompetente Person gefunden haben. Bei LiN entwickelt es sich auch gerade weiter, dadurch, dass wir jetzt etwas mehr hauptamtliche Zeit haben. Wir haben ehrenamtliche AGs zu verschiedenen Themen und ich kümmere mich darum, dass die gut arbeiten können, sich treffen und ich kümmere mich um die inhaltliche Begleitung der Förderanträge mit lesbischem oder trans*-Schwerpunkt. Sichtbarkeit ist seit einigen Jahren inzwischen eines unserer Kernthemen. Sichtbarkeit als frauen*liebende Frauen* (ob nun cis, inter oder trans*) und für unsere Bedarfe und Themen: Gesundheit, Familiengründung, Schutz vor Gewalt und Equal Pay für eine von Partnerschaften unabhängige Altersvorsorge. Versorger-Ehen sind halt eher was für Heteros, diese Lebensmodell funktioniert nicht für eine Krankenschwester, die mit einer Altenpflegerin ein gemeinsames Alter gestalten will – übrigens auch nicht in Polynetzwerken und erst recht nicht alleinstehend. An diesen Themen arbeite ich im Rahmen von Projekten, Fachmensch-Vernetzung und –sensibilisierung und in die frauenpolitischen Kreise hinein.

 

 

 

weird: Seit 2016 findet u. a. es ein jährliches LiN Lesbisch in Niedersachsen Sommerfest statt. Welche weiteren Angebote und Veranstaltungen wie Seminare, Workshops etc. gibt es seitens der Netzwerke LiN und TiN wann und wo?

 

Friederike Wenner | QNN: Das LiN-SpätSommerFest mit Austausch, gemeinsamem Arbeiten und Kultur findet 2018 Ende September in Altenbücken statt. Alle QNN-Netzwerke, also LiN, TiN und das SFN, treffen sich zum Arbeiten nächstes Jahr einmal in der Akademie Waldschlösschen bei Göttingen. Dort gibt es auch verschiedene vom QNN miterarbeitete und geförderte Seminare und Workshops: das reicht vom Thema Regenbogenfamilie über Alliert-sein in der queeren Community und Körperarbeit in Beziehungen bis zum Umgang mit Hatespeech im Netz. Und in unserem Gesundheitsprojekt, für das Jessica Lach zuständig ist, wird es auch Workshops, Seminare, Lesungen und Vortragsabende geben. LiN unterstützt außerdem das Lesbenfrühlingstreffen in Göttingen und das feministische/queerfeministische Barcamp in Hannover.

 

 

 

weird: Das Netzwerk ruft auch konkret auf, bei Projekten vor Ort mitzumachen oder neue Ideen und Projekte anzugehen. Wie erfahren interessierte FLTI* Menschen von den Angeboten in ihrer jeweiligen Umgebung und wie können sie sich an euch wenden?

 

Friederike Wenner | QNN: Oh, es gibt in Zeiten von Internet, Social Media und lesbischen oder schwulen/schwul-lesbischen Magazinen noch Informationslücken? Eine kleine Übersicht haben wir auf www.lesbisch-in-niedersachsen.de/netzwerk. Und auf Facebook eine Seite und eine Gruppe jeweils unter /LesbischInNiedersachsen. In der Gruppe werden auch oft sehr interessante Termine weitergereicht. Ansonsten fördert das Land, dass die Anbietenden ihre Aktivitäten selbst kommunizieren und bewerben können. Die Menschen vor Ort wissen eigentlich am Besten, wie sie ihre Leute erreichen.

 

Wer Förderung für ein Projekt oder eine politisch-kulturelle Veranstaltung vor Ort besprechen möchte, kann sich direkt an mich wenden: wenner@q-nn.de – Partys fallen leider nicht unter die Förderrichtlinie, das nur vorneweg. Auch weil der Wunsch nach Unterstützung von FLTI*- oder Frauenpartys immer mal wieder an uns herangetragen wird. Wir können wirklich viele verschiedene Maßnahmen und Projekte in die Förderung bringen…

 

 

 

weird: Es gibt mit „Für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt* in Niedersachsen“ eine landesweite Kampagne, die die niedersächsische Landesregierung u. a. gemeinsam mit dem Queeren Netzwerk Niedersachsen QNN koordiniert. Kannst du etwas zu der Kampagne und zum aktuellen Stand der Umsetzung erzählen?!

 

Friederike Wenner | QNN: Wir haben da gerade angefangen, online über die Ziele und den Sinn der Kampagne zu erzählen und stellen erste Projekte vor auf www.queere-starken-niedersachsen.de – kurz gesagt ist die Kampagnenzeit eine, in der die Strukturen ausgebaut und professionalisiert werden sollen, in der Öffentlichkeitsarbeit, Modellprojekte und Empowerment verstärkt werden. Die 6 Themenfelder sind Bildung, Arbeitswelt, Gesundheit, Sichtbarkeit, Schutz vor Gewalt und (Wahl-)Familie.

 

 

 

weird: Für das Queere Netzwerk Niedersachsen QNN geht es um Gleichberechtigung, öffentliche Wahrnehmung, Wertschätzung von LGBTIQ Menschen „in aller Vielfalt*“. Vielfalt ist ein vielzitiertes Wort in der heutigen Zeit. Was bedeutet Vielfalt für dich?

 

Friederike Wenner | QNN: Für mich bedeutet Vielfalt*, dass wir nie alles gesehen und alle Möglichkeiten des Menschseins kennengelernt haben werden, in unserem Leben. Egal, wie rührig und beweglich wir sind. Ich finde das super, ich lerne unheimlich gern dazu und arbeite am liebsten mit und für Menschen. Für mich bedeutet Vielfalt* auch, unsere Unterschiedlichkeiten zu schätzen und einander zu respektieren. Ich muss nicht alle Menschen mögen, aber ich lasse sie in Frieden leben und setze mich dafür ein, dass friedliches Miteinander möglich bleibt.

 

 

 

weird: Heißt für dich sich aktiv für etwas einzusetzen sich auch aktiv gegen etwas einzusetzen wie z. B. zunehmende rechte Gesinnungen, Gewalt und Politik?

 

Friederike Wenner | QNN: Schwierige Frage … ein „Nein“ ist ja keine befriedigende Antwort und mich an Mutter Theresa zu orientieren mit „Ihr seid gegen Krieg? Kommt wieder, wenn Ihr für etwas seid, dann bin ich dabei!“ ist auch nicht so ganz meine Sache. Aber ich weiß einfach nicht, wie etwas konkret und direkt wirksam gegen rechte, ausgrenzende und abwertende Haltungen gemacht werden kann, außer durch ein klar anderes Verhalten, also für sozial Schwache einzutreten, auf die Menschen im eigenen Umfeld zu achten, denen es gerade oder dauerhaft nicht gut geht, die eigene Würde jeden Tag auf die Straße zu tragen und den Kopf oben zu halten, den Blicken nicht ausweichen. Lächeln. Freundlich und mitmenschlich bleiben. Meine Großmutter war Jahrgang 1923 und bis zum Schluss eine Anhängerin der Nazi-Ideologien inklusive „die Gesellschaft in der sich Homosexuelle zeigen, ist im Untergang begriffen“. Da hat nichts geholfen, war nichts dran zu ändern. Aber es hat unsere Familie und mein Leben geändert, dass wir da anders tickten. Alle. Mein Vater ist ein echter Revoluzzer, der Demos rund um 1968 mitorganisiert hat, er hat sich früh gegen dieses „Erbe“ gestemmt. Nun ist er auch schon etwas älter und sagte neulich: „Ich schau im Internet, was Du so machst. Ich versteh nicht alles davon, aber ich will Dir sagen, dass ich stolz bin auf Dich und das was Du tust.“ Ich glaube, so geht es dann letztlich: den Raum für brutale, hierarchische oder nationalistische „Kulturen“ nicht freigeben, sondern anderweitig besetzen und nutzen; sich nicht die Themen und Denkrichtungen von Rechts aufzwängen lassen., bei den eigenen Werten bleiben und sie leben.

 

 

 

weird: Was wünschst du dir für deine weitere Arbeit 2017 und 2018?

 

Friederike Wenner | QNN: Aktuell wünsche ich mir natürlich erstmal, dass auch in der neuen Landesregierung und mit neuer Person an der Spitze des Sozialministeriums ein offenes Ohr und Auge für die Belange von LSBTIQ* zu finden ist. Dass das QNN sich weiter so gut entwickelt und entfaltet und gute Projektideen aus der Community im Rahmen der Kampagne. Die gegenseitige Unterstützung und Ergänzung – auf die freue ich mich ganz besonders, das ist der Treibstoff für meine Arbeit.

 

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (11/2017)

Fotos: Kerstin Rolfes

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Friederike Wenner (43) ist Autorin, Speakerin, Coach und Geschäftsführerin des Queeren Netzwerks Niedersachsen QNN. Innerhalb des Netzwerkes ist sie Vertreterin des Netzwerks LiN Lesbisch in Niedersachen und verantwortlich für das Netzwerk TiN Trans* in Niedersachsen. Friederike Wenner hat Städtebau studiert, arbeitete als Texterin und Designerin, hat 20 Jahre aktive Fußball gespielt und war bis 2001 zuletzt u. a. Fußball-Bundesliga-Torhüterin bei Wolfsburg. 2002 veröffentlichte sie zusammen mit Meike Watzlawik ihr Buch „...und ich dachte, du bist schwanger! – Frauen erzählen ihr Coming-out“ (Gatzanis, 192 S.) Friederike Wenner engagiert sich u. a. auch für den CSD Bremen. Ihr eigenes Coming-out hatte sie mit 20, als sie ihre erste große Liebe traf.

 

Bei weird erzählt Friederike Wenner im aktuellen Interview von ihrer Arbeit für das Queere Netzwerk Niedersachsen QNN.

 

Online: www.q-nn.de

 

Über weird | Archiv

Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

 

Name: Friederike „Freddy“ Wenner

Alter: 43 (auch: Schuhgröße und ein seltenes, aber gern genossenes Getränk, mit Milch …)

Beruf: Geschäftsführende im Queeren Netzwerk Niedersachsen e.V. – und Autorin, Speakerin, Coach

Wohnort: Bremen

Meine weirdeste Eigenschaft: Mein Gehirn ist so ultrafix unterwegs, dass ich oft Gedanken aufschreibe, um sie mir dabei quasi in Ruhe anzuhören.

 

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Ausgabe Nr. 122

Dezember 2017

Foto: Kerstin Rolfes

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