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LGBTIQ sein in ...

 

 

Comic-

Strips

 

 

 

 

 

 

 

Ach, so ist das?! Interview mit

Martina Schradi

 

 

Interview: Christine Stonat (9/2018)

Fotos/Comics: privat/Martina Schradi

 

 

 

 

 

 

weird: Gerade ist dein zweiter Band deiner international bekannten Comic-Reihe „Ach, so ist das?!“ erschienen. Der erste Band war mit „Biografische Comicreportagen von LGBTI“ untertitelt. Der zweite Band mit „Neue Lach- und Sachgeschichten aus der Welt der LGBTI*“. Gibt es etwas, was den zweiten Band grundsätzlich vom ersten unterscheidet?

 

Martina Schradi: Ich hatte schon ziemlich früh beim Erstellen des ersten Bands den Eindruck, dass der nicht ausreicht, dass da einfach viele Themen fehlen, die mir noch wichtig wären zu erzählen. Das habe ich dann in dem zweiten Band versucht nachzuholen: mehr Geschichten zu Bisexualität, fluider und nicht-binärer Identität sowie das große Thema LGBTI* Geflüchtete. Aber auch beim zweiten Band denke ich: eigentlich gibt es kein Ende, es fehlt immer noch so viel, ich kann niemals alle Facetten sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität darstellen.

 

Vom Format her habe ich mich aber ziemlich an dem ersten Band orientiert: kurze Geschichten auf Basis von Gesprächen mit LGBTI* oder Recherchen.

 

 

 

 

weird: „Lach- und Sachgeschichten“ – fühlst du dich so ein bisschen wie die „Maus“ :- )?

 

Martina Schradi: Das betrifft den humorigen Ansatz der Arbeit – ich habe ja von Anfang an versucht, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daherzukommen, sondern mich den Fragen möglichst leicht, niederschwellig und unterhaltsam zu nähern. Und da sehe ich die Parallele zu den Lach- und Sachgeschichten.

 

 

 

 

weird: Empfindest du einen pädagogischen Auftrag bei deiner Arbeit, und falls ja, war das schon von Anfang an so oder ist der gewachsen, und wenn ja, wieso?

 

Martina Schradi: Mein Anliegen war eigentlich zunächst einfach diese Erlebnisse zu erzählen, eben sichtbar zu machen. Einen richtigen Auftrag empfand und empfinde ich da nicht für mich, das ist eher ein tolles Nebenprodukt dieser Arbeit, das mit der Zeit entstanden ist. Und viele haben ja rückgemeldet dass die pädagogische Message gut funktioniert. Die Comics werden inzwischen vielfach in pädagogischen Kontexten, Workshops, Vorträgen usw. eingesetzt. Christine Burmann, Menschenrechtsexpertin und LSBTI-Beauftragte der Stadt Nürnberg, hat dafür eigens ein pädagogisches Programm entwickelt mit Arbeitsblättern auf Basis der Comics.

 

 

 

 

weird: Deine Comics sind mittlerweile in verschiedene Sprachen übersetzt worden. Du warst in anderen Ländern zu Ausstellungen, hältst Vorträge, gibst Workshops. Auch in Bielefeld waren deine Ausstellungen schon mehrfach zu sehen. Wie siehst du die Entwicklung deines Projektes seit Beginn 2013?

 

Martina Schradi: Es war schon ein großes Glück, dass die Comics so gut aufgenommen wurden und von vielen Seiten Unterstützung und Ideen zur Weiterentwicklung kamen. Nur mit der Hilfe von vielen Menschen, die sich ehrenamtlich in dem Projekt engagieren, z.B. mit Übersetzungen oder indem sie die Poster ausstellen, konnte das so groß werden. Das macht mich schon sehr glücklich. Besonders berührt hat mich dieses Jahr auch die russischsprachige Ausstellung, die ich im Mai in Odessa eröffnen durfte und die seitdem durch die Ukraine tourt.

 

 

 

 

weird: In welchem Kontext wirst du am meisten angefragt, lässt sich das sagen? (Beispiel Schule oder LGBTIQ oder „heteronormative“ …)?

 

Martina Schradi: Hochschulen, Schulen, Vereine, Einrichtungen, die sich mit Pädagogik, Akzeptanz, Demokratiearbeit beschäftigen ... aber auch mittlere und große Unternehmen waren schon dabei. Also nicht nur, aber schon auch Interessenten mit LGBTI*-Hintergrund.

 

 

 

 

weird: Du hast für deine Bücher mit vielen LGBTIQ Menschen gesprochen. Wo findest du diese Menschen und ihre Geschichten? Wie recherchierst du bzw. wie akquirierst du Leute, die bereit sind, ihre Erfahrungen mit dir und später dann der Welt zu teilen?

 

Martina Schradi: Am Anfang habe ich ein bisschen im Freundeskreis herumgefragt. Nachdem das Projekt bekannter wurde haben sich dann viele Menschen gemeldet, die mitmachen und mit einer eigenen Geschichte dabei sein wollten – das war natürlich toll und hat das Projekt unheimlich bereichert! Und für das zweite Buch habe ich dann gezielt Einrichtungen und Einzelpersonen angesprochen auf der Suche nach Ansprechpartner_innen zu bestimmten Themen - was leider nicht immer erfolgreich war.

 

 

 

 

weird: Deine Arbeit mit den abgebildeten Personen war zum Teil der intensiv. Wie ist die Reaktion der Erzählenden, wenn sie sich in den Comics schließlich wiederfinden?

 

Martina Schradi: Ich habe nicht von allen eine Rückmeldung bekommen, glaube aber schon, dass es den meisten gut gefallen hat. Sich selbst und ein zentrales Ereignis oder Thema des eigenen Lebens als Comic zu sehen, war für viele der Befragten doch eine tolle Erfahrung, vor allem wenn die eigene Geschichte noch ins Russische oder Chinesische übersetzt ist.

 

 

 

 

weird: Von dem Erzählen bis zum Comic sind es viele Arbeitsschritte. Wie leicht oder schwer fällt es dir, vermutlich doch oftmals komplexe Sachverhalte und Geschichten „runterzubrechen“ auf zwei, drei kurze prägnante Einzelbilder?

 

Martina Schradi: Eigentlich nicht so schwer ;) ob die Ergebnisse auch gut sind, müssen andere beurteilen.

 

 

 

 

weird: Was gefällt dir an deiner Arbeit am meisten?

 

Martina Schradi: Am Comiczeichnen? Einfach alles! Geschichten in Bilder verpacken. Menschen aus Bildern sprechen zu lassen. Das Ganze in ein Gesamtwerk packen. Ich glaube wirklich, wenn du Comics machst, liebst du einfach alles daran. Und das ist auch nötig: es gibt ja auch Durststrecken, bis so ein Buch fertig ist das dauert eine gefühlte Ewigkeit und dann brauchst du diese Leidenschaft um durchzuhalten.

 

 

 

 

weird: Es gibt so viele Geschichten, jeder Mensch eine eigene. Und doch können sich viele LGBTIQ in den Geschichten wiederfinden. Das ist wahrscheinlich auch ein Schlüssel zu deinem Erfolg!?

 

Martina Schradi: Ja, ich habe oft gehört: „Das ist ja wie bei mir!“ oder „Das kommt mir bekannt vor!“. Ich denke schon, dass es ja fast universelle Erfahrungen sind, die wir LGBTI* mehr oder weniger ähnlich erlebt haben und damit auch teilen. Z. B. der eigene Coming-out-Prozess, sich in der Schule oder am Arbeitsplatz zu outen oder auch Erfahrungen des Empowerment. Trotzdem, was ich zeige ist nur ein Ausschnitt!

 

 

 

 

weird: Ist „Ach, so ist das?!“ mit zwei Bänden „auserzählt“ oder hast du eher den Anspruch noch mehr sichtbar zu machen?

 

Martina Schradi: Nein, auserzählt ist das nie! Ich will mich künftig aber noch anderen Projekten widmen und habe schon einige Ideen, was an meinem Zeichentisch als nächstes entstehen könnte. Das erzähle ich dann beim nächsten Interview. ;)

 

 

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (9/2018)

Fotos/Comics: privat/Martina Schradi

Über weird | Archiv

Comiczeichnerin Martina Schradi lebt in Nürnberg. Bekannt wurde sie 2014 durch ihre LGBTI-Comic-Strips „Ach, so ist das?!“ Seither wurde ihr erstes gleichnamiges Buch in mehrere Sprachen übersetzt und mit dem ICOM Independent Comicpreis 2015, dem Michael-Schmidpeter Preis 2014 und als außergewöhnliches Buch auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin 2016 ausgezeichnet. Die Comicreportagen, die fast ausschließlich auf realen Erfahrungen und Personen und ihren Geschichten basieren, sollen zur Sichtbarkeit und Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bi, trans*, inter* und queeren Menschen beitragen. Auch in Bielefeld hat Martina Schradi ihre Comic-Strips aus ihrem ersten Buch schon ausgestellt, u. a. im Frauenkulturzentrum und bei den alljährlichen queer-feministischen Hochschulaktionstagen Gesellschaft_Macht_Geschlecht. Im aktuellen E-Mail-Interview berichtet Martina Schradi von ihrem neuen zweiten Band von „Ach, so ist das?!“, der im Sommer 2018 erschien, und von ihrer Arbeit im Allgemeinen.

 

 

 

Martina Schradi

„Ach, so ist das?! Band 2“

(Zwerchfell)

Comic, ca. 90 S., broschiert

Out: seit Sommer 2018

 

 

Online: www.achsoistdas.com

www.ohisee.org

 

Ausgabe Nr. 130

Oktober 2018

Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

Name: Martina Schradi

Alter: 46

Beruf: Comiczeichnerin

Wohnort: Nürnberg

Meine weirdeste Eigenschaft: ich habe Angst vor Haien, sogar im Freibad!

 

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