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Lesbisch sein in ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 Interview mit

Annie Kress

 rainbowfeelings.de

 

 

 

Interview: Christine Stonat (10/2018)

 

 

 

 

 

 

 

 

weird: Seit 3 Jahren hast du deinen Blog www.rainbowfeelings.de zum Thema lesbisches Leben mit dem Schwerpunktthema Coming-out. Warum lag dir das Thema besonders am Herzen?

 

Annie Kress | rainbowfeelings.de: Als ich mich geoutet habe, habe ich mich komplett alleine gefühlt. Ich hatte niemanden, mit dem ich über meine Gefühle und Ängste sprechen konnte. Was mir gefehlt hat, war eine beste Freundin, die für mich da ist, mir zuhört und mir meine tausend Fragen beantwortet. Genau diese beste Freundin möchte ich mit Rainbowfeelings und auch mit meinem Buch Rainbowlove sein. Ich habe mich ganz bewusst für dieses Thema entschieden, weil ich einfach gemerkt habe, da ist so viel, was ich den Mädchen und Frauen da draußen gerne mitgeben möchte. Ich möchte, dass durch Rainbowfeelings die Mädchen und Frauen genau die Hilfe bekommen, die ich selbst so dringend gebraucht hätte.

 

 

 

weird: Was hast du selbst aus deiner Arbeit für den Blog gelernt?

 

Annie Kress | rainbowfeelings.de: Zum einen habe ich natürlich das ganze Technische gelernt. Wie baue ich eine Webseite auf, wie erschaffe ich richtig guten Content, wie entsteht eine Online Community etc. Aber ich bin auch persönlich sehr an meiner Arbeit gewachsen. Einen Blog hauptberuflich zu betreiben, bringt einen immer wieder an seine eigenen Grenzen. Und genau da durfte ich lernen, dass es für alle Probleme, egal wie groß sie sind, auch Lösungen gibt. Durch meine Arbeit bin ich auch noch mal viel selbstbewusster geworden und traue mich jetzt viel mehr auch öffentlich für mich, meine Meinung und andere einzustehen.

 

 

 

weird: Du hast außerdem einen persönlichen Vlog auf YouTube. Dort lädst du aktuell fast täglich neue Videos hoch. Wie unterscheiden sich für dich dein Blog und dein Vlog und die Arbeit dafür?

 

Annie Kress | rainbowfeelings.de: Mein YouTube-Kanal bekommt jetzt gerade eine komplett neue Ausrichtung. Vorher ging es hier auch viel um lesbische Themen. Und jetzt baue ich mir hier mein zweites Business auf. Denn ich möchte anderen Frauen, die ebenfalls weltverändernde Herzensprojekte haben, helfen, diese umzusetzen. In den letzten Jahren sind so viele auf mich zugekommen und haben mich gefragt, wie ich das mit Rainbowfeelings denn gemacht habe. Denn sie hätten da ja auch so eine Idee, trauen sich aber nicht, diese zu verfolgen. Das finde ich mega schade. Denn, überleg mal, wie schön wäre denn diese Welt, wenn wir alle unsere Herzensprojekte verfolgen würden? Ich glaube, gemeinsam können wir diese Welt zu einem noch viel schöneren Ort erschaffen. Und genau deshalb möchte ich anderen Frauen helfen, ihren Herzensweg zu gehen. Deshalb ist der neue Content auf YouTube auch total auf dieses Thema ausgerichtet und geht inzwischen nicht mehr um LGBT Themen.

 

 

 

weird: Im Sommer 2018 ist dann aus deinem Coming-out-Blog heraus dein erstes Buch „Rainbowlove“ erschienen, das du in Eigenregie veröffentlicht hast. „Rainbowlove“ ist ein Coming-out-Ratgeber für lesbische Frauen und Mädchen. Es ist 2018, aber irgendwie gibt es gar nichts wirklich Vergleichbares, oder!?

 

Annie Kress | rainbowfeelings.de: Ja, leider gab es bisher kein richtiges Coming-out-Buch für Mädchen und Frauen. Selbst im englischsprachigen Bereich nicht. Alle Strategien und Tipps die in Rainbowlove zu finden sind, habe ich deshalb auch selbst kreiert – mit Hilfe einer großen Umfrage mit meiner Rainbowfeelings Community, meinen eigenen Erfahrungen und meinem theoretischen Hintergrundwissen aus der Uni. Und ich glaube, daraus ist wirklich ein einzigartiges Buch entstanden, das die Mädchen und Frauen an die Hand nimmt und sie durch alle Schwierigkeiten durchführt.

 

 

 

weird: Mit Bezug auf die vorhergehende Frage, war das deine Motivation oder was sonst hat dich motiviert das Buch zu veröffentlichen?

 

Annie Kress | rainbowfeelings.de: Meine Grundmotivation für Rainbowlove war im Prinzip dieselbe wieso ich auch Rainbowfeelings gegründet habe. Allerdings habe ich im Laufe der Jahre gemerkt, dass ich mit einem Blogpost zwar schon viele hilfreiche Tipps geben kann, aber das lange nicht so tief und ausführlich machen kann, wie ich es gerne tun würde. Ich habe auch täglich immer wieder dieselben Fragen zum Coming-out bekommen und dann irgendwann beschlossen, all meine Erfahrungen und mein ganzes Wissen in ein Buch zu packen, das die Mädchen und Frauen dann wirklich Schritt für Schritt begleiten kann.

 

 

 

weird: Du bist in allem, was du veröffentlichst, im positivsten Sinne sehr sensibel und einfühlsam. Du sagst selbst in einem deiner Videos, dass du in Gruppen eher still bist und eine beobachtende Position einnimmst und Stimmungen und Gefühle anderer in ganz besonderem Maße wahrnimmst. Wie sind die Reaktionen auf deine Arbeit und wie gehst du mit möglichen nicht positiven Reaktionen um?

 

Annie Kress | rainbowfeelings.de: Ich bekomme zum Glück super viele positive Reaktionen auf alles, was ich mache. Es ist das absolut Schönste für mich eine Mail oder einen Kommentar zu bekommen, in der mir eine Frau erzählt, wie sehr ich ihr Leben verändert habe. Genau dafür mach ich das alles!

 

Natürlich gibt es auch immer wieder doofe Kommentare oder Hater, aber die hast du immer, wenn du mit etwas in die Öffentlichkeit gehst, egal welches Thema das ist. Inzwischen ist mir so etwas total egal geworden. Die Leute, die meckern, sind selten welche, die selber etwas erschaffen und viele wollen einfach nur ihre schlechte Laune bei irgendwem abladen. Dafür ist bei mir kein Platz, solche Kommentare lese ich nicht mal ganz durch, sondern lösche sie einfach und konzentriere mich wieder auf meine Arbeit. Denn jede Minute, in der ich mich über so etwas ärgern würde, ist eine Minute weniger, in der ich jemanden mit meiner Arbeit helfen kann. Diese Macht möchte ich den negativen Menschen einfach nicht geben. Anfangs war das für mich natürlich schwieriger, inzwischen habe ich mich aber daran gewöhnt, dass nicht jede*r cool findet was ich mache. Und das ist auch voll ok so.

 

 

 

weird: Hat es dich als introvertierter Mensch viel Mut gekostet, dich zu outen und den Schritt mit Blog, Vlog und Buch in die Öffentlichkeit zu gehen?

 

Annie Kress | rainbowfeelings.de: Auf jeden Fall! Mein Coming-out war das Schwierigste, das ich je in meinem Leben gemacht habe. Und auch mit dem Thema in die Öffentlichkeit zu gehen, hat meinen ganzen Mut und meine ganze Kraft gekostet. Ich bin das aber natürlich Schritt für Schritt angegangen. Erst der Blog und Facebook, dann ein Jahr später die ersten Interviews, und erst seit ein paar Wochen fühle ich mich sicher genug, auch vor Menschen zu sprechen und auf Events aufzutreten. Das ist alles ein Prozess und für mich ist es immer wichtig, mich selbst herauszufordern um zu wachsen, ohne mich damit zu überfordern. Das ist natürlich ein schmaler Grad, aber mit der Zeit bekomme ich den immer besser hin.

 

 

 

weird: Immer wieder taucht bei dir in Blog, Vlog und Buch auch die Frage auf: „Wer bin ich wirklich“? Während du anderen dabei hilfst das herauszufinden, treibt dich auch selbst die Frage an. Findest du durch deine B/Vlog-Schreibarbeit mehr und mehr auch dich selbst oder was hilft dir sonst noch aktuell – es ist ja ein langer, vielleicht ein Leben lang andauernder Prozess – dabei?

 

Annie Kress | rainbowfeelings.de: Das ist wirklich eine Frage, die mich schon immer beschäftigt hat und mich vermutlich auch für immer beschäftigen wird. Und das ist auch gut so – ich denke, wenn ich irgendwann aufhöre zu wachsen und mich zu verändern, würde sich mein Leben leer und sinnlos anfühlen.

 

Aber ja, Schreiben ist definitiv etwas, worüber ich sehr viel über mich selbst herausfinde. Allerdings ist es bei mir eher das Tagebuch schreiben. Wenn ich einen Blogpost schreibe oder ein Video aufnehme, dann eigentlich immer über ein Thema, in dem ich bereits selbst Antworten auf die Fragen gefunden habe. Schließlich ist es mein oberstes Ziel mit jedem Post und jedem Video den Leser*innen und Zuschauer*innen wirklich weiter zu helfen. Die einzigen Ausnahmen sind hier die persönlicheren Videos, wie zum Beispiel mein „Wer bin ich wirklich“ Video, in dem ich die Zuschauer*innen mit hinter die Kulissen nehme und erzähle, was in meinem Leben eigentlich gerade alles so los ist.

 

Neben dem Tagebuch schreiben hilft mir meditieren auch total noch mehr zu mir zu finden, genauso wie joggen, Musik machen und mit guten Freund*innen richtig tiefe Gespräche führen.

 

 

 

weird: Neben deiner B/Vlog- und Schreibarbeit verreist du u. a. gern. Machst auch weitere Reisen. Was bedeutet reisen für dich? Und findest du dort auch immer etwas auch über dich selbst heraus?

 

Annie Kress | rainbowfeelings.de: Reisen bedeutet für mich Freiheit. Ich liebe die Veränderung. Immer wenn ich reise, fühle ich mich viel mehr am Leben, als wenn ich für lange Zeit an einem Ort bin. Reisen, neue Orte und neue Menschen kennenlernen, das inspiriert mich total. Denn genau da fange ich immer wieder an, mich und mein Leben zu hinterfragen. Und genau das ist es auch, was mir dabei hilft, mich selbst noch besser kennenzulernen.

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (10/2018)

Über weird | Archiv

Vor etwas drei Jahren begann Annie Kress ihren (Ratgeber)Blog „Rainbowfeelings.de“ zum Thema „Lesbisches Lieben und Leben“. Mit 15 hat sich die Bloggerin selbst zum ersten Mal in eine Frau verliebt. Sie ist sich unsicher und outet sich zunächst als bi. Erst der erste Kuss mit einer Frau bringt ihr die Gewissheit, dass sie lesbisch ist. Ein Jahr später zieht sie nach Berlin und studiert dort Gender Studies. Und lernt ihre heutige Freundin kennen. Jetzt hat Annie, ihr Name spricht sich übrigens englisch aus, ihr erstes Buch in Eigenregie veröffentlicht. „Rainbowlove“ ist ein Coming-out-Ratgeber wie sie ihn sich damals selbst gewünscht hätte und mit dem sie Mädchen und Frauen bei ihrem Coming-out vor allem auch Mut machend und Kraft gebend zur Seite stehen will. Nach dem Motto: Gib mir deine Hand, wir schaffen das! Im aktuellen weird-Interview erzählt Annie Kress von ihrem Blog, ihrem Buch, von ihrem YouTube-Kanal, wie alles anfing, von reisen und von sich selbst.

 

Online: www.rainbowfeelings.de

http://rainbowlove.de

 

 

 

Annie Kress

„Rainbowlove“

(Selbstveröffentlichung)

Coming-out-Ratgeber, ca. 300 Seiten, broschiert

Out: seit Juli 2018

 

Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

Name: Annie Kress

Alter: 24

Beruf: Weltveränderin & Rebellin. Oder ernsthafter: Bloggerin, Autorin, Online-Entrepreneurin

Wohnort: Überall wo es mir gefällt

Meine weirdeste Eigenschaft: Ich liebe es, wenn Dinge anders sind, als ich es eigentlich gewöhnt bin. Pizza mit schwarzem Pizzateig zum Beispiel, oder Gespräche, die ich so noch nie geführt habe.

Ausgabe Nr. 131

November 2018

11 Jahre weird

 November 2007  -  November 2018

„Genau dafür mach ich das alles!“ Annie Kress