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Durch Musik politisiert

 

 

 

 

 

 

Interview

 

FaulenzA

Interview: Christine Stonat (8/2017)

Fotos: J. Jackie Baier (rechts oben), Alex Giegold (links)

 

 

 

 

 

 

 

 

weird: Im März 2017 erschien dein erstes Buch „Support Your Sisters Not Your Cisters“ (edition assemblage). Thema: „Diskriminierung von Trans*Weiblichkeiten“. Darin gibst du u. a. eigene Erfahrungen wieder und willst zugleich sensibilisieren und Anregungen für Support geben. Wie ist das Buch entstanden?

 

FaulenzA: Ich gebe seit etwa 3 Jahren Workshops zum Thema ‚Transmisogynie‘. Das ist das Wort für ‚Diskriminierung von Trans*Weiblichkeiten‘. Und aus den Workshops heraus entstand mein Buch. Ich wollte ursprünglich nur ein Handout für die Workshops machen. Dann wurde es doch länger als gedacht und ich hatte die Idee ein Zine (selbstgebasteltes Heftchen) zu machen. Auch das wurde dann länger als geplant, weil ich es so genossen habe so viel Raum zu haben um Beispiele und Erfahrungen zu besprechen und zu verarbeiten. Und dann ist es ja auch durch die Workshops immer weiter gewachsen. Denn ich bekam da durch die Diskussionen immer mal wieder Anregungen und Kritik die mich weitergebracht haben. Deshalb war der lange Vorlauf mit den Workshops sehr wertvoll für das Buch. :- )

 

Schließlich fragte ich dann Edition Assemblage auf der Messe ‚Queeres Verlegen‘ ob sie Interesse haben und ab dann war das Buch in Planung :- ).

 

 

weird: In deinem Buch geht es um Diskriminierung von trans* Frauen, die du persönlich u. a. auch in vermeintlich „geschützten“ queeren und FLTI*-Räumen, ebenso wie in linken und feministischen Zusammenhängen erlebst. Was sind deine Erfahrungen früher wie heute und findet dort in letzter Zeit eine Veränderung statt?

 

FaulenzA: Hmmm wie so insgesamt Veränderungen aussehen, kann ich schwer einschätzen. Ich bekomme leider immer wieder mit dass sich trans*Frauen in solchen Räumen unwohl fühlen und dass es zu Diskriminierungen kommt. Ich kriege aber schon, auch jetzt durch mein Buch oder in den Workshops, mit dass sich viele Leute mit Trans*misogynie beschäftigen wollen und offen dafür sind sich mit eigenen Vorbehalten/verhalten auseinanderzusetzen. Da kann ich mir schon vorstellen, dass sich in den letzten Jahren die Situation verbessert hat.

 

Für mich persönlich war die Zeit früher nach meinem Coming Out sehr hart. Weil ich das Gefühl hatte, dass viele Feministinnen glauben, dass ich eigentlich ein Mann wäre. Die FLTI Kneipe im nahen AZ habe ich gar nicht erst betreten. Mittlerweile ist es für mich in feministischen Räumen einfacher geworden, ich glaube dadurch, dass ich vom Aussehen her eindeutiger als Frau gelesen werde, auch durch Hormone und Operationen, und dass Leute sich an den Gedanken gewöhnt haben, dass ich eine Frau bin. Vlt auch durch meine Musik und so.

 

 

weird: Die Illustrationen sind von trans* Artist Yori Gagarim (weird-Interview s. www.weird-bielefeld.de/index-Dateien/mitte87.htm) aus Berlin. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

 

FaulenzA: Ich war einfach schon lange Fan von Yoris Kunst. Yori macht ja z.B. ganz wundervolle Aufnäher und T-Shirt-Motive, aber auch tolle Comics zu queeren Themen. Dann habe ich Yori gefragt und war meeega begeistert als er__sie zugesagt hat. Hätte ich ja gar nicht mit gerechnet. ^^

Für mein Buch wollte ich gerne viele schöne Bilder haben, damit es auch Spaß macht es durchzublättern.

 

Ich wollte nicht, dass es wie ein trockenes Theorie-Buch daherkommt, weil das auch nicht so meinem Geschmack entspricht und ich eher davor zurückschrecke so was zu lesen. Jetzt hat es so nen lockeren poppigen Look, der glaube ich einladend wirkt und mir zumindest gut gefällt. Yori hat fürs Buch 18 Bilder gemalt, die unterschiedliche trans*weibliche Personen darstellen und so Klischees auflockern und eine Vielseitigkeit vom trans*weiblichen Spektrum zeigen. In den Bildern findet sich jeweils ein Zitat aus dem Buch. Dann hatten Yori und ich die Idee aus den Bildern Sammel-Sticker zu machen, wie früher in der Schule. :- ) Es gibt sie nun als Sticker durchnummeriert von 1 bis 18 in Tütchen mit jeweils 6 gemischten Stickern. Zum Sammeln und Tauschen. Und ein Poster zum Aufkleben. Der neueste Hit auf jedem Schulhof. ^^ (z.B. über den springstoff.de Shop.)

 

 

weird: Bereits seit deinem öffentlichen Coming-out 2012 setzt du dich auch auf der Bühne und in deiner Musik – wie auf deinem zweiten Album „Glitzerrebellion“ 2014 und deinem aktuellen „Einhornrap“ (Springstoff, 8/2016) – explizit und kritisch mit trans* spezifischen Themen auseinander. Warum hast du dich dafür entschieden?

 

FaulenzA: Ich glaube, ich habe mich nie so bewusst dafür entschieden, es ist einfach passiert. Als ich endlich mein Coming-out angegangen bin, war ich so megaerleichtert, dass ich meine Transidentität nicht mehr verstecken muss, dass ich gleich Lieder dazu geschrieben hab. Auch war das für mich ein gutes Ventil bei blöden Erfahrungen. Ich hab dann mehr und mehr auch andere Trans*Menschen kennengelernt und hatte auch die Hoffnung, dass manche Songs auch andere Trans*- und queeren Menschen bestärken können. Das wurde mir auf jeden Fall immer mal wieder gefeedbackt und das hat mich dann wieder bestärkt auch weiter unter anderem auch über queere Themen zu schreiben. Auf dem ‚Glitzerrebellion‘ Album finden sich ja sowohl Songs, die ich vor und nach meinem Coming-out geschrieben habe. Zum Beispiel das Lied ‚Männlichkeit‘. In dem Song hatte ich eigentlich zuerst mein Coming-out bringen wollen und hab es mich dann doch nicht getraut. Auch wurde mir immer von Feminist_innen eingeredet, dass auch trans*Frauen männlich sozialisiert wären, was ich dann auch leider so in dem Song geschrieben habe. Heute bezeichne ich meine Sozialisation selbstbewusst entweder als ‚trans*weiblich‘, oder einfach als ‚weiblich‘. Über dieses ‚Sozialisationsargument‘ schreibe ich auch in meinem Buch.

 

 

weird: Seit deinem letzten und zugleich ersten HipHop-Album „Einhornrap“ bist du beim Berliner Label Springstoff, wo u. a. auch Sookee, Jennifer Gegenläufer und andere queere Rapper_innen beheimatet waren/sind. Wie bist du zu dem Label gekommen und was ist das Besondere dort für dich?

 

FaulenzA: Sookee ist mittlerweile bei Bubak, soviel ich weiß. Durch sie bin ich auch vor etwa 3 Jahren auf ‚Springstoff‘ aufmerksam geworden. Mir ist es einfach zu viel geworden alles alleine zu machen, vor allem auch Booking. Und ich brauchte finanzielle Unterstützung bei der Albumproduktion. Deshalb hab ich mich an SFF gewandt und wir sind schnell zusammengekommen. Durch SFF hab ich auch sehr wertvolle Kontakte zu anderen Musiker_innen bekommen, wie z.B. Msoke, Sookee, Carmel Zoum, Lady Lazy und Jennifer Gegenläufer, die ja auch auf dem Album zu hören sind. Oder auch zu dem Produzenten LeijiONE, der die Aufnahmen und die meisten Beats für „Einhornrap“ gemacht hat, aber auch Leute die Videos und Grafiken, Promotion machen und so. Außerdem war es hilfreich für mich, mich mit Anna und Rainer von SFF zu verschiedenen Fragen rund um Musik zu beraten. Vielen Dank dafür und liebe Grüße an alle Springstoffis!

 

 

weird: Du bist Liedermacherin, Gitarristin, Rapperin. 2008 hattest du deinen ersten Auftritt als FaulenzA. Du hast zuletzt u. a. auch Songs aus deiner musikalischen Zeit von 2007 bis 2011 neu aufgenommen. Wie würdest du deine eigene musikalische Entwicklung beschreiben?

 

FaulenzA: Hui, du bist ja gut informiert! Das ist ja sehr angenehm und auch schmeichelnd für mich. :- ) Meine musikalische Entwicklung fing auf jeden Fall bei den ‚Schwalmtalzupfern‘ an. Das ist ein Kinder- und Jugend-Gitarrenorchester. Da habe ich in netter Atmosphäre mit vielen anderen Kindern zusammen Gitarre gelernt. Nicht so harter Musikunterricht, sondern so dass es mir Spaß gemacht hat. So Lagerfeuer-Gitarre-Style. Und dann habe ich in Punkbands angefangen. Vlt so mit 14 Jahren. Die sind dann aber alle nach ner Weile im Sand verlaufen. Aber das war auch ein sehr schönes Hobby für mich. Vorher hatte ich nur Gedichte geschrieben und jetzt eben auch Songs. Dann blieb ich als Liedermacherin allein zurück. Das war dann auch ganz angenehm unabhängig davon zu sein, wie viel Zeit und Energie andere in die Musik stecken wollen/können. 2011 bin ich dann zur ‚Rotzfrechen Asphaltkultur (RAK) gekommen, wo ich immer noch aktiv bin. Das ist ein offenes Netzwerk für linke Straßenmusiker_innen (rak-treffen.de). Straßenmusik mit Akkordeon mache ich ja schon lange nebenbei. Je nach Geldlage mehr oder weniger. Und dann bin ich auch auf HipHop gekommen, durch linke und feministische Rapperinnen wie z.B. Sookee und Lena Stöhrfaktor. Rap-Einflüsse gibt es da auch schon auf meinem ersten Album ‚Mäuseanarchy‘ und mehr auch noch in „Glitzerrebellion“. Dann kam die Idee auch ein ganzes HipHop-Album zu machen, weil ich mehr und mehr Lust auf Rap hatte. Ich find es auch gut nur das Mikro in der Hand zu haben und mich so freier über die Bühne bewegen zu können. Und ich tanze gern auf die RapBeatz. :- ) Ich schreibe aber immer noch neue Lierdermacherinnen-Songs. Bei Konzerten spiele ich meist beides. Es sei denn es ist ausdrücklich ein HipHop- oder ein Liedermacherinnen-Konzert. Das in-Bands-spielen habe ich aber auch vermisst. Deshalb habe ich mich vor 1 ½ Jahren mit anderen RAK‘is zu einer FLTI Folk-Punk Band zusammengefunden. Wir heißen ‚Crusty Schimmelfahrt‘. Seit kurzem habe ich auch eine neue ‚Straßenmusik-Clown-Theater‘ Gruppe: ‚Der Müll der letzten Tage‘.

 

 

weird: Du kommst aus „der“ Punkszene, ist das richtig!? Was hat dich in der Zeit besonders geprägt?

 

FaulenzA: Ja, das stimmt. Ich bezeichne mich auch immer noch als ‚Punk‘ und das bedeutet mir sehr viel. Damals hat es ganz viel von meiner politischen Prägung ausgemacht. Als ich in jungen Teenie-Jahren im Saturn einen ‚Schlachtrufe BRD-Sampler‘ fand, war es um mich geschehen. Da fand ich zum ersten Mal linksradikale Punkbands, die mir alle so cool und verwegen vorkamen. Die kämpferischen Songs haben dann auch gleich mein politisches Interesse entfacht und mir viele wichtige Anregungen gegeben. Dann war und ist Punk auch ein Lebensgefühl für mich. Gerade damals als Schülerin war es wichtig für mich, auch ohne viel Geld zu haben cool sein zu können und nicht den Leuten nacheifern zu müssen, die mit teuren Klamotten-Marken protzten. Ich mochte an Punk auch, dass es selbstverständlich als legitim angesehen wird nicht zu arbeiten, wo sonst in dieser Gesellschaft Arbeit oft als Selbstzweck gesehen wird und es als unmoralisch gilt sich nicht in der Konkurrenz mit anderen um seine Karriere zu bemühen. Als ich an Punk kam, waren auch Fragen wichtig, wie ich leben will. Und da haben mir die Ideen von Anarchismus, rumreisen, mit vielen Leuten zusammen zu sein, Wagenleben, Hausprojekte usw. gut gefallen. Da eröffnete sich mir nach und nach eine neue Welt. :- )

 

Auch die ‚Do it yourself‘-Kultur hat mich angesprochen. Zum Beispiel dass es nicht so einen Professionalitäts-Anspruch gibt in der Musik. Es ist im Punk schon vollkommen cool, wenn man sich die billigsten, schrottigsten Instrumente schnappt und auf 3 Akkorden recht unkomplizierte Texte schrammelt. Dann Demo-CDs selbst aufnehmen und brennen, Merch selbst machen ... Das hat mich auf jeden Fall ermutigt auch mit Songschreiben und Band anzufangen. Da brauchst du keinen Gesangsunterricht und kein Musikstudium. Natürlich fand ich auch den Styl geil. Also auch bis heute. Ich mag das sehr, selbst an Klamotten rumzubasteln, zu bleichen, zu besprayen, Nieten, Aufnäher und Stofffetzen dran zu nähen und so weiter. :- )

 

In der Punkszene gibt es natürlich wie überall auch, auch viele Scheißleute und Diskriminierungen. Und auch männliche Dominanz bei Bands. Es gibt aber auch immer mehr linke/queere Punks, die dem was Gutes entgegensetzen. Zum Beispiel lerne ich in Berlin gerade eine queere Punk/Hc Szene kennen. Zum Beispiel Bands wie Anticorpos, Friend Crush oder die Leute, die das ‚Friends Fest‘ organisieren … Aber auch Bands wie ‚Angebrachte Panik‘, ‚Susi Molotow‘, ‚Abgesagt‘, Respect My Fist‘ möchte ich hier nennen. Oder die Zeitschrift ‚Plastic Bomb‘, die immer mehr queere Themen einbringt und und und.

 

 

weird: Kunst und Aktivismus. Wie geht das bei dir zusammen?

 

FaulenzA: Für mich ist es Aktivismus über politische Themen zu singen und zu rappen. Und ich habe auch schon oft auf Demos und Kundgebungen und so gespielt, und so war meine Musik auch Teil der Aktion. Mit der Rotzfrechen Asphaltkultur setzen wir zum Beispiel Straßenmusik bei politischen Aktionen ein. Musik kann da glaube ich viel bewirken. Ich wurde z. B. hauptsächlich durch Musik politisiert. Das hat mich einfach mehr angesprochen als Sachbücher, Schule oder so. Es gibt so viele Wege politisch aktiv zu sein. Ich finde da muss jede_r das für sich Richtige finden. Da finde ich es nicht gut eine Form von Aktivismus abzuwerten. Ich habe es schon manchmal gehört, dass Menschen Musik nicht als politischen Aktivismus ernst nehmen, das find ich blöd.

 

 

weird: In deinen Songs geht es heute u. a. auch um gleich*geschlechtliche Liebe. Wie definierst du dich selbst und war das für dich noch mal ein „anderes“, extra Bewusstwerden und öffentliches Coming-out für dich neben dem Coming-out als trans*?

 

FaulenzA: Ich schreibe z. B. in dem Lied ‚Ich werde dir niemals sagen‘ über ‚gleichgeschlechtliche‘ Liebe, wenn ich über Liebe zu einem Mann singe. Ich habe es geschrieben zu einer Zeit wo die meisten Leute dachten, dass ich ein Junge/Mann wäre. Deshalb habe ich meine Liebe zu einem Mann ‚gleichgeschlechtlich‘ genannt. Heute würde ich das nicht mehr so machen. Aber das Lied mag ich immer noch gerne. Ich habe mich schon oft gefragt wie und als was ich mich definieren möchte. Ich habe mich ja lange als bisexuell definiert. Fand das auch deshalb angenehm, weil das dasselbe Wort für Männer und Frauen ist, nicht wie bei lesbisch/schwul. So musste ich nicht gleich meine Geschlechtsidentität verraten, wenn ich über Sexualität geredet hab. Das bi Coming-out hatte ich auch vor meinem Trans* Coming-out. Ich merke aber schon lange dass ich mich sexuell hauptsächlich zu Männlichkeiten hingezogen fühle. Aber ‚Hetero‘ passt irgendwo auch nicht so recht für mich. Zum einen. weil ich nicht die hetero Privilegien habe. So dass die Beziehung zu einem Mann bei mir als gleichgeschlechtlich wahrgenommen wird, weil ich auf der Straße leider immer noch oft als Mann gelesen werde. Dann bin ich mir oft unsicher, ob Leute die vlt mit mir flirten wollen, wissen dass ich trans* bin und ob das ein Problem für sie wäre. Ich glaube ich bin für die meisten hetero Männer zu männlich und für schwule Männer zu weiblich und so müsste ich bi Männer finden die auf trans* klarkommen. Gibt es natürlich auch. Trotzdem bin ich oft so unsicher, dass ich denke, mich fände eh niemand attraktiv … Vlt würde ich mich anderen trans*Menschen gegenüber als ‚eher hetero‘ bezeichnen, aber cis Menschen gegenüber als queer/pan/bi oder so. Weil ich bei trans*Menschen davon ausgehe dass sie wissen was ‚trans* und hetero‘ heißt. Mit dem Hetero-Begriff ist es aber auch aus nem anderen Grund schwierig für mich: Was wär denn, wenn ich eine Person attraktiv finde, die zwar männlich gelesen werden würde, aber sich selbst als Frau oder als weder-noch definiert? Es will ja auch nicht jede trans*Frau ihren Körper verändern. Dann wäre ich plötzlich lesbisch oder was ganz anderes. Und überhaupt: wer weiß in wen ich mich noch verliebe, oder wen ich noch so anziehend finden werde in Zukunft? Vlt finde ich deshalb ‚pan‘ ganz gut weil das son offener Begriff ist.

 

 

weird: Deine Songs handeln (seit 2014) von deinen eigenen Erfahrungen als trans* Frau. Du thematisierst u. a. auch Dinge wie Suizid und Gewalt und willst zugleich aber vor allem anderen Mut machen und empowern. Du sagst selbst, dass du zu deiner Zeit des Coming-outs keine_n andere_n out trans* Musiker_in kanntest. Hat dir sowas, wie du es machst, damals selbst für dich gefehlt?

 

FaulenzA: Ja, ich glaube es wär für mich mega-empowernd und Augen öffnend gewesen, wenn ich z.B. schon als Kind oder Jugendliche Kontakt mit Trans*Personen gehabt hätte oder wenn mir in Fernsehen oder Musik coole trans*Personen begegnet wären. So Vorbilder hätten mir gut getan. Und auch, weil ich dadurch, dass sie trans*Themen ansprechen, schon früh mit dem Thema ‚Transidentität‘ Berührung gehabt hätte und somit für das, was ich bin einen Namen gefunden hätte. So hatte ich ja lange nur gedacht, ich wäre ‚anders‘ und ‚komisch‘. Und es gäbe sonst niemanden wie mich und darf es auch nicht geben. Umso mehr freue ich mich, wenn ich heute Feedbacks von Menschen bekomme, die meine Musik bestärkend finde. Und deshalb freue ich mich auch über Gelegenheiten, die machen, dass meine Musik ein breiteres Publikum erreicht.

 

 

weird: Was hat dich empowert bzw. empowert dich noch jetzt?

 

FaulenzA: Als ich ins Ruhrgebiet gezogen bin, habe ich zum ersten Mal einen trans*Menschen kennengelernt. Das war megawichtig für mich. Den letzten Mut zu meinem Coming-out hat mir dann der Film ‚Breakfast On Pluto‘ gegeben. Da geht es um eine sehr coole starke hetero-trans*Frau. Aber in der Zeit meines Coming-outs waren auch manche Freundinnen von mir sehr für mich da. Die haben mich da auch sehr bestärkt. Andere leider nicht. Dann Musik von Sookee und Lena Stoehrfaktor und Kunst von Yori Gagarim. Da konnte ich auch Kraft draus ziehen. Und überhaupt das Vernetzen mit anderen trans*Menschen. Deshalb bin ich dann ja auch nach Berlin gezogen. Weil ich wusste, dort gibt es eine trans*Community und ich wollte nicht mehr die einzige trans*Frau auf weiter Flur sein.

 

 

weird: Du hattest im Frühjahr 2017 einen Teil deiner geschlechtsangleichenden Operation. Wie geht es dir heute?

 

FaulenzA: Ja, im April war die Operation. Und da brauchte ich etwa 4 Monate bis ich richtig auf den Damm gekommen bin. Jetzt ist wieder fast alles in Ordnung. Vor etwa 2 Woche merkte ich plötzlich, dass ich ja gar keine Schmerzen mehr hab. Und dann hab ich mich voller Begeisterung gleich wieder auf mein Fahrrad geschwungen. Dann fingen die Schmerzen aber wieder an, deshalb sollte ich mit dem Rad fahren wohl noch warten. Da braucht es viel Geduld bei der ganzen Geschichte. Ich finde die Vorstellung manchmal ganz furchtbar, dass meine nächste OP schon im Oktober ist. Also vlt genau dann, wenn ich wieder richtig fit bin. Und dann geht alles wieder von vorne los. Und ich hab auch einfach kein Bock mehr auf Schmerzen. Naja, ich versuche bis dahin noch so viel Sommer wie möglich zu genießen und schaffe den zweiten Teil der OP dann auch noch. Und über das Ergebnis freue ich mich jetzt schon meeega. Es ist unglaublich, wie viel wohler ich mich schon nach dem ersten OP-Schritt mit meinem Körper fühle. Manchmal liege ich in meinem Zimmer einfach nackt auf der Couch rum und freu mich, oder ich bewundere mich im Spiegel. Ein ganz neues Gefühl. Ich war schon zum ersten Mal seit langem Schwimmen. Einfach so im Meer im Bikini, ohne mich für meinen Körper zu schämen (außer leider ein bisschen was das Gewicht angeht). Das Schwimmen war megatoll, das weckte richtig Leben in mir. Ich bin viel entspannter mit irgendwo im Busch pinkeln, und ich kann alle Klamotten tragen, die ich will, ohne Angst vor ‚Penisbeule‘ im Rock zu haben (auch ‚Venushügel‘ genannt ^^), oder dass man mir unterm Rock gucken könnte. Ich fühl mich einfach viel freier und wohler.

 

 

weird: Aktuell sammelst du Spenden für eine weitere Operation. Wann und wie wird die sein?

 

FaulenzA: Ja, am 18.10.17 ist der zweiter Schritt meiner sogenannten ‚geschlechtsangleichenden‘ Operation. Gleichzeitig werde ich auch eine sogenannte ‚gesichtsfeminisierende‘ Operation machen lassen. Das heißt, in meinem Fall das meine Stirn abgeflacht und Augenbrauen leicht angehoben werden. Dadurch hoffe ich, dass ich mich zum einen wohler mit meinem Gesicht fühle und zum anderen auf der Straße häufiger als Frau wahrgenommen werde. Dann könnte ich mich auch viel sicherer draußen bewegen und müsste nicht dauernd Angst haben von Leuten belästigt zu werden, weil ich trans* bin. Für die OP brauche ich etwa 3000 Euro. Durch Spenden habe ich schon 230 Euro bekommen. Falls ihr mich da mit etwas Geld unterstützen würdet wäre das megacool. Falls nicht ist es natürlich auch ok. Hier die Bankdaten: Marina Dobberkau, Iban: DE31 3104 0015 0160 0576 00 Vielen Dank euch allen!

 

 

weird: Neben Konzerten und Lesungen hältst du auch Selbstverteidigungs-Workshops für FLTI* und Workshops zum Thema trans* Misogynie. Wo können dich Fans und Interessierte 2017/2018 bei der einen oder anderen Veranstaltung erleben?

 

FaulenzA: Weil ja im Oktober meine nächste Operation ist, weiß ich noch nicht wie lange ich danach, was Konzerte angeht, ausfallen werde. Aber vorher gibt es schon ein paar Termine: Die letzte August-Woche und die ersten 2 September-Wochen bin ich erst mal wieder viel mit meiner Straßenmusik-Clown-Gruppe ‚Der Müll der letzten Tage‘ unterwegs. Los geht‘s in Halle, Leipzig, Jena, Berlin. Dann vlt NRW oder Nord- und Ostsee. Aber ohne feste Termine. Vlt sehen wir uns ja zufällig in der Einkaufszone. :- )

 

Weitere Termine sind:

 

16.9.17 Berlin, Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung, Auftritt beim Community Karneval (u. a. mit Sookee)

22.9.17 Berlin, Queer Party der ‚linksjugend ‚solid‘. (in Berlin-Moabit)

30.09.17 Basel, Auftritt beim Antifa Festival (mit DJ FVU)

11.10.17 Hamburg, Linker Laden, Buchvorstellung und Konzert (im Rahmen der Glizza-Party)

13.10.17 Mainz, Bar jeder Sicht, Buchvorstellung und Konzert

 

Für nächstes Jahr plane ich ein neues Album rauszubringen. Es wird wieder ein HipHop-Album mit 2 Liedermacherinnen-Songs als Bonustracks. Ich habe auch schon angefangen mit LeijiONE aufzunehmen und er macht auch wieder die Beats. Dann feiere ich nächstes Jahr meinen 10-jährigen fauli-Kindergeburtstag. Weil 2008 mein erstes Konzert war. :- ) Dann gibt‘s Topfschlagen und Kuchen für alle. :- )

 

Danke dir Christine und danke weird für euer Interesse und danke euch allen fürs Lesen!

 

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (8/2017)

Fotos: J. Jackie Baier (ganz oben rechts), Alex Giegold (links)

FaulenzA ist Liedermacherin, Gitarristin, Rapperin und Aktivistin aus Berlin. Neben ihrer Musik gibt sie Workshops und hält Vorträge zum Thema trans* Misogynie und Selbstverteidigung/Selbstbehauptung. Im März 2017 erschien ihr ersts Buch „Support Your Sisters Not Your Cisters“ (edition assemblage). Ihr aktuelles drittes Album „Einhornrap“ erschien erstmals beim Berliner Label Springstoff. Neben ihren zwei ersten Alben „Mäuseanarchy“ und „Glitzerrebellion“ gibt es außerdem auf ihrer Website bzw. Soundcloudseite neu aufgenommene Songs aus ihrer Liedermacherinnen-Zeit 2007-2011, also zum Teil noch vor ihrem ersten Auftritt als FaulenzA und vor ihrem offiziellen Coming-out als trans* Frau 2012. Seit ihrem Coming-out setzt sich FaulenzA auf und neben der Bühne aktiv_istisch für trans* Themen ein.

 

Da 2008 ihr erster Auftritt als FaulenzA war, soll das 10-jährige Jubiläum 2018 mit einem großen „Kindergeburtstag“ und Kuchen für alle gefeiert werden. Das und mehr zu sich, ihrer Musik, trans*female Diskriminierung, ihrem ersten Buch, über Punk sein, ihren 2017 gewesenen und bevorstehenden geschlechtsangleichenden Operationen und vieles mehr erzählte FaulenzA weird via E-Mail im aktuellen Interview.

 

 

Online: http://faulenza.blogsport.de

 

 

 

 

Erstes Buch:

FaulenzA

„Support Your Sisters Not Your Cisters.

Über Diskriminierung von Trans*Weiblichkeiten“

(edition assemblage)

144 Seiten, broschiert

Out: seit März 2017

 

Aktuelles Album:

FaulenzA

„Einhornrap“ (Springstoff)

Out: Seit August 2016

Single: „Eher so geht so“ + „Schönheitsideale“

 

Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

 

Name: FaulenzA

Alter: 29

Beruf: Musikerin, Autorin

Wohnort: Berlin

Meine weirdeste Eigenschaft: ich mag Kitsch, ich mag Weihnachten.

 

 

 

Ausgabe Nr. 119

September 2017

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