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Muschiland

 

 

 

 

 

 

Interviewrückblick von 2012

zum 30-jährigen Jubiläums des

Ulrike Helmer Verlags 2017

 

Ulrike Helmer

 

Interview: Christine Stonat (4/2012)

Foto: www.ulrike-helmer-verlag.de

 

 

 

 

 

 

 

 

weird: Ihr neues Buch „Muschiland“ (VÖ: Mai 2012) behandelt die Geschichte und Gegenwart der Vulva. Was war Ihre Motivation für dieses Buch?

 

Ulrike Helmer: Wir hatten gerade Fana Asefaws eindrucksvolles Buch gegen Genitalbeschneidungen gemacht, als andererseits die Meldungen über sogenannte Designervaginen zunahmen ... Mir kam das alles zunehmend bizarr vor. Wenn Frauen nicht zwangsweise beschnitten werden, lassen sie sich selbstbestimmt beschneiden? Ich war fassungslos über die Bereitschaft, das mit sich machen zu lassen. Vor allem fragte ich mich, wie um alles in der Welt solche Frauen zu der Überzeugung kamen, was nun die ideale Vagina oder Vulva zu sein hätte. Ich fand, dem kulturellen Hintergrund müsse einmal genauer nachgegangen werden. Da kam Mithu Sanyal mit ihrer Dissertation zum Thema Vulva auf mich zu und wir kamen überein, das Buch zu machen. Leider entschied sie sich am Ende für einen anderen Verlag. Andererseits gab uns das Raum, sich des Themas jenseits der Grenzen einer Dissertation zu widmen.

 

 

weird: Das Buch war bereits 2008 angekündigt. Wieso hat sich der Veröffentlichungstermin auf 2012 verschoben?

 

Ulrike Helmer: Wir hatten das Buch gerade angekündigt, als sich mein Leben mit einem Schlag völlig veränderte. Plötzlich war ich mit Tod und Krankheit im engsten Umfeld konfrontiert. Die Person, mit der ich viele Jahre zusammen gewesen war, erlitt einen Herzinfarkt und lag danach jahrelang im Wachkoma, ich war plötzlich die amtliche Betreuerin ... In so einer Lage wäre es mir unmöglich gewesen, das „Muschiland“-Buch zu realisieren. Als ich Ende 2011 den Faden wieder aufnahm, habe ich die Konzeption erst einmal den Entwicklungen anpassen müssen.

 

 

weird: Was ist das Neue an diesem Buch?

 

Ulrike Helmer: Inzwischen sind „Designervaginen“ und Genitalpearcings ja keine neuen Themen mehr. Die Aufgabe von „Muschiland“ ist es nun, einen leichten Einstieg und einen fundierten Überblick zu geben. Es ist in den letzten Jahren auch dazu geforscht worden, und ich wollte diese Erkenntnisse in möglichst verständlicher Form einfließen lassen. Darum habe ich mich entschieden, mehr selbst zu schreiben und das Ganze mit ein paar Fremdbeiträgen aufzulockern. Das Buch wird Ende Mai fertig sein.

 

 

weird: Was ist Ziel des Buches?

 

Ulrike Helmer: Es soll informieren und dabei unterhalten, aber auch Selbsteinsicht und Selbstbewusstsein fördern. Ich möchte den unterschiedlichsten Frauen einen anderen "fremden" Blick auf sich ermöglichen als den, mit dem sie tagtäglich bombardiert werden und den sie leider auch immer mehr übernehmen, wenn sie sich selbst betrachten. Frauen sind eingebunden in die globalisierten Gesellschaftsverhältnisse: Wie frei sind sie also wirklich, wenn sie, wenn wir von Selbstbestimmung reden? Frauen sind natürlich frei, ihre Körperidentität zu entwerfen – aber woran orientieren sich ihre Entwürfe? Handelt es sich bei Brazilian Waxing, Intimpearcings, Schamlippenkorrekturen und was sonst noch inzwischen schleichend zur neuen Schönheitsnorm wird, nicht nur um Scheinfreiheiten?

 

 

weird: Auch im Pressetext des Buches stellen Sie eben diese Fragen: „Ist diese Entwicklung (Designervaginen bis Charlotte Roche) als eine Befreiung zu sehen oder erblicken wir hier bloß eine weitere (Selbst)Vermarktung weiblicher Körperlichkeit? Ist es nicht immerhin ein Schritt, mit beherzten Wortbesetzungen jenes Namenlose auf den Begriff zu bringen, für das wir ohnehin nur hilflose Vokabeln haben?“ Wie lautet denn Ihre Antwort?

 

Ulrike Helmer: Meine Antwort ist ein entschiedenes Jein. In den letzten Jahren gab es solch immense kulturelle, mediale Veränderungen, die neue schönheitschirurgische Machbarkeiten, eine hohe Akzeptanz gegenüber einem runderneuerten Sexismus und einen nahezu totalitären Blick auf Frauenkörper mit sich gebracht haben. Das zeigt sich auch am Umgang von Frauen mit ihren Körpern und ihrer Sexualität, an ihrer Sicht von sich selbst. Selbstbefreiung geht da Hand in Hand mit Selbstverbiegung. Wir sollten zunächst einmal sehr genau hinschauen, was sich an Veränderungen ereignet hat, sich des Erreichten nicht sicher sein und ausloten, was sich da neue Freiheiten nennt.

 

Übrigens gab es eine 100 % humorfreie altfeministische Kritik am Titel des Buches „Muschiland“. Wie ausgerechnet der Helmer Verlag das nur so nennen könne! Dabei habe ich den Begriff „Muschiland“ als Feministin sogar ganz bewusst gewählt, eben weil er die Verunsicherung gegenüber Wort und Terrain spiegelt und nicht so tut, als sei alles in Butter, nur weil wir jetzt selbstbewusst Vulva sagen können. Solange nur sehr wenige Frauen selbstbewusst Vulva sagen (oder nach wie vor überhaupt wissen, was „Vulva2 bezeichnet), hätte „Vulvaland“ glatt die Zielgruppe verfehlt. Vor allem hätte das auch die Seite der gesellschaftlichen Normierung unterschlagen, die ja auch in dem irgendwie albernen, verniedlichenden Wort „Muschiland“ mitschwingt ...

 

 

weird: Gibt es in dem Buch auch einen lesbischen Blick auf das Thema?

 

Ulrike Helmer: Ich bin sicher, dass vor allem die lesbischen Großstadtmilieus so souverän sind, phantasievoll mit dem ganzen Thema zu spielen. Aber ich wollte – wie so oft kein „Szene-Buch“ für Frauen machen, die in gewisser Weise eine Avantgarde darstellen, sondern ein Buch für möglichst viele Frauen.

 

 

weird: Worin, denken Sie, unterscheidet sich bei lesbischen Frauen der Umgang mit dem eigenen Geschlechtsteil im Vergleich zu heterosexuellen Frauen?

 

Ulrike Helmer: Was den Unterschied im Umgang mit der Vulva angeht, bin ich überzeugt, dass sich lesbisch liebende Frauen schon seit langem freier entdecken und genießen können als heterosexuelle, die eben mit männlicher Sexualität im eigenen Bett konfrontiert wurden und werden. Wobei auch heterosexuelle Frauen durchaus öfter auch mal allein im Bett liegen und längst nicht alles am männlichen Maßstab messen ... Man darf aber eines keinesfalls vergessen: Auch Lesben haben eine weibliche Sozialisation hinter sich oder gar „Grau(s)zonen“, wie sie Gitta Tost schon vor Jahren in ihrem Buch "Die Freischwimmerin" beschrieben hat, das in meinem Verlag erschien. Ich selbst würde mich übrigens als frauenaffin bezeichnen, nicht als lesbisch.

 

 

weird: Geschichte und Gegenwart der Vulva in Mythos, Kunst, Medien und Politik - Welche der vier „Disziplinen“ hat die größten Versäumnisse im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht?

 

Ulrike Helmer: Es handelt sich da nicht um Disziplinen, sondern um sehr unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche, die disparate Funktionen haben. Die massivste Rolle spielen wohl aktuell die Medien. Wenn mittlerweile auch Vulven öffentlich dargestellt werden, ist das als Folge des sich medial massiv ausbreitenden pornografischen Blicks ein blendendes Beispiel für Vermarktung. Es ist aber natürlich auch ein Aspekt von Befreiung, wenn wir dank der wissenschaftlichen Forschungen aus dem Jahr 1998(!!!) endlich wissen, wie eine Klitoris aussieht, und diese nun in Ausstellungen als gigantisches Kunstobjekt bewundern können, das ausschaut wie ein riesiges fliegendes Insekt ... Wir sollten aber immer sehen, wie das eine im anderen aufscheint: die Freiheit im Unfreien und umgekehrt.

 

 

weird: Sind die vier Bereiche bis heute immer noch zu männlich geprägt – allen voran Medien und Politik unserer Zeit?

 

Ulrike Helmer: Wir können das Patriarchat in unseren Köpfen beenden, aber damit ist es noch nicht von der Bildfläche verschwunden. Es verschwindet andererseits nie, solange wir im eigenen Kopf und der eigenen Psyche nicht die Gefolgschaft aufkündigen. Die Gefolgschaft auch gegenüber seinen Bildern, Normierungen, Ausblendungen. Es ist zum Beispiel nett, dass nun auch die Piratenpartei anfängt, über Sexismus zu diskutieren ... Die immer alles besser wissen, stöhnen natürlich über den alten Hut. Aber es ist eben so, dass Gedanken immer neu entdeckt werden müssen. Sie können tradiert werden, aufgeschrieben werden, veröffentlicht werden, aber damit behalten sie noch nicht ihre Gültigkeit. Die bekommen sie erst wieder, wenn sie immer neu und anders mit Sinn gefüllt werden.

 

 

weird: Welche Entwicklung bezüglich der Wahrnehmung und Akzeptanz der Vulva würden Sie sich persönlich wünschen – gesellschaftlich und auf die einzelne Frau privat bezogen?

 

Ulrike Helmer: Dass Frauen – und auch Männer – nun Vulva sagen können, heißt zunächst einmal: Wir haben endlich ein Wort für alles – für das ganze Geschlechtsorgan der Frau. Damit ist Schluss mit allen Röhren- und Lochmetaphern, in denen die alten Begriffe immer stecken blieben.

 

Die Vulva ist ein Potenzzentrum inklusive des überhaupt irrsten Teils, den die Natur einzig und allein der Frauen zu bieten hat, der Klitoris, die ja nicht nur Lust-, sondern auch Unlustzentrum ist. Schwelgerische Multiorgasmen hin und her, das zweitschönste an der Klitoris ist, dass sie ihrer Trägerin zeigt, auf wen oder was sie gerade keine Lust hat ... Darauf dürfen wir ebenfalls stolz sein. Je selbstbewusster Frauen werden, desto mehr hören sie auch auf diese Stimme und stöhnen oder turnen nicht Pornovorlagen oder die Vorgaben anderer nach, sondern fühlen und hören auf ihre eigenen Signale.

 

 

weird: Haben Sie Lösungsansätze?

 

Ulrike Helmer: Sich lösen und loslassen kann schon der richtige Ansatz sein! (Lacht) Jedenfalls: Allem misstrauen, wie wir sein, wie wir aussehen oder wie und bis wann wir kommen sollen. Und tief in sich reinatmen ...

 

 

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (4/2012)

Foto: www.ulrike-helmer-verlag.de

Im kleinen hessischen Städtchen Sulzbach/Taunus residiert ein kleiner Buchverlag für Frauen und Lesben. Gegründet von Ulrike Helmer, Bücherfrau des Jahres 2009, die den Verlag seit 1987 erfolgreich leitet. 2012 feierte der Ulrike Helmer Verlag sein 25-jähriges Jubiläum. 2017 feiert der Ulrike Helmer Verlag nun sein 30-Jähriges. Im September 2017 erschien aus diesem Anlass ein Buch mit Kurzgeschichten von Autor_innen wie Daniela Schenk, Carolin Schairer u. a. rund um das Thema 30.

 

Im Focus den Verlagsprogramms des Ulrike Helmer Verlages stehen wissenschaftliche Literatur und Sachbücher. Fester Bestandteil ist aber auch die Klassik Edition mit Büchern historischer Autorinnen ebenso wie das Belletristik-Programm mit Romanen für lesbische Leserinnen. Im Mai 2012 erschien mit „Muschiland“ ein weiteres Sachbuch im Ulrike Helmer Verlag. Herausgegeben und geschrieben von Verlagschefin Ulrike Helmer selbst. Nebst einigen Gastbeiträgen, soll es einen „leichten Einstieg“ und zugleich „fundierten Überblick“ zur Vulva, ihrer Geschichte, ihrem Mythos, ihrer Darstellung in Kunst und Medien, vor allem aber auch ihrer heutige Wahrnehmung, Darstellung und Bedeutung in Medien, Politik und Gesellschaft bieten. Im weird-Interview gab Ulrike Helmer 2012 ganz persönliche und intime Einblicke ins Muschiland …

 

 

Online: www.ulrike-helmer-verlag.de

 

 

Ulrike Helmer

„Muschiland”

(Ulrike Helmer Verlag)

Sachbuch, 160 Seiten, Paperback

Out: seit Mai 2012

 

 

Sina Hauer (Hgin.)

„Geschichten über 30“

(Ulrike Helmer Verlag)

Short Stories, 156 S., gebunden

Out: seit September 2017

 

 

 

 

 

 

 

Anmerkung: Die Vulva als Geschlechtsorgan „der Frau“ zu bezeichnen, entspricht nicht der Ansicht der weird-Redaktion. Auch Menschen mit einem anderen als weiblichen Geschlecht können eine Vulva haben, wie z. B. trans* Männer oder inter* Personen.

 

Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten 2012 -

 

 

Name: Ulrike Helmer

Alter: Irgendwas mit ...5!

Beruf: Buchmacherin

Wohnort: Frankfurt, Berlin, Muschiland

Meine weirdeste Eigenschaft: Verlege immer und immer wieder Bücher ...

 

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Ausgabe Nr. 120

Oktober 2017