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Selbstbewusst einfordern

 

 

 

 

 

 

 

Interview

Friederike Vogt

 

Gleichstellung LSBTI* Stadt Bielefeld

 

 

 

Interview: Christine Stonat (8/2018)

Foto: privat

 

 

 

 

 

 

 

weird: Du bist Gleichstellungsbeauftragte der neuen ersten Gleichstellungsstelle Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans* und Inter* LSBTI* der Stadt Bielefeld. Seit wann gibt die Gleichstellungsstelle?

 

Friederike Vogt: Ich bin nicht die Gleichstellungsbeauftragte, die gibt es nur als Frauengleichstellungsbeauftragte und hat gesetzlich eine Sonderstellung. Die neue Stelle für die Gleichstellung von LSBTI* in Bielefeld ist aber in der Gleichstellungsstelle angesiedelt und durch die Querschnittsaufgabe für alle Bereiche der Verwaltung zuständig.

 

 

 

weird: Wie kam es zu der neuen Stelle?

 

Friederike Vogt: Das „Netzwerk lesbischer und schwuler Gruppen in Bielefeld e.V.“ hat in den letzten Jahren viele Gespräche mit Kommunalpolitiker*innen geführt, durch einen Ratsbeschluss wurde dann entschieden, dass es einen „Aktionsplan für die Gleichstellung von Lesben, Schwulen, Bi-, Trans* und Inter* in Bielefeld“ geben soll. Dieser wurde gemeinsam mit der Szene, der Verwaltung und der Politik entwickelt und 2017 in den politischen Gremien verabschiedet. Ein Bestandteil des Aktionsplans war die Schaffung von Stellen um professionellere Strukturen zu schaffen. So hat SCHLAU Bielefeld eine halbe Stelle erhalten, das Frauenkulturzentrum eine 10 Stunden-Stelle und es ist eine halbe Stelle in der Stadtverwaltung geschaffen worden.

 

 

 

weird: Warum hast du dich dazu entschieden den Job zu machen?

 

Friederike Vogt: Seit Jahren setze ich mich für die Rechte von LSBTI* ein und habe den Aktionsplan in Zusammenarbeit mit Peter Struck von der AIDShilfe Bielefeld e.V. und Ilse Buddemeier, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Bielefeld nach vielen Workshops in der Szene, und Gesprächen mit der Politik und Verwaltung entwickelt und in den politischen Gremien der Stadt diskutiert. Ich wollte eigentlich nie diesen Job selber machen, dies hat sich aber im Laufe des letzten Jahres geändert. Nachdem mich etliche Menschen gefragt oder dazu aufgefordert haben, habe ich mich irgendwann einmal gefragt „warum eigentlich nicht?“

 

 

 

weird: Was genau sind deine Aufgaben?

 

Friederike Vogt: Zunächst einmal bin ich für die Umsetzung des Aktionsplans zuständig und für die Weiterentwicklung. Ich soll das Thema in sämtliche städtische Verwaltungsanlässe verankern, so dass die Belange von Lesben, Schwule, Bi-, Trans*, Inter* - queere Menschen – insgesamt immer mitgedacht und berücksichtigt werden. Es geht um eine normale Behandlung. LSBTI* - Menschen sollen keine Sonderrolle bekommen, aber auch nicht ignoriert und vergessen werden. Wir sind ein ganz normaler Bestandteil der Gesellschaft und können dies selbstbewusst einfordern!

 

 

 

weird: Was sind die Ziele der LGBTIQ Gleichstellung Bielefeld?

 

Friederike Vogt: Zunächst einmal geht es vorrangig um Sensibilisierung und um die Schaffung von Öffentlichkeit. Letztlich geht es um einen respektvollen Umgang von Menschen überhaupt. Jeder Mensch soll so leben können wie er/sie/they möchte. Daher ist es ebenso wichtig LSBTI* Menschen zu unterstützen und zu stärken. Die Aufgaben sind auch im Aktionsplan nachlesbar.

 

 

 

weird: Hast du darüber hinaus eigene Ziele für deine Arbeit?

 

Friederike Vogt: Ich glaube, ich habe momentan mehr genug zu tun :- ) Im Prozess entstehen Bedarfe und Wünsche, so gibt es beispielsweise aktuell an verschiedenen Stellen die Nachfrage von einer eine Trans* Elterngruppe, dies möchte ich gerne unterstützen. Darüber hinaus möchte ich vor allem eine gute Vernetzung, das Mitdenken von LSBTI* in allen Bereichen, mehr Öffentlichkeit beim CSD und, und, und.

 

 

 

weird: Welche Herausforderungen siehst du?

 

Friederike Vogt: Eine große Herausforderung ist die Bewältigung der anstehenden Aufgaben mit einer halben Stelle. Inzwischen ist mir klar geworden, dass dies eigentlich gar nicht machbar ist, aber ich bemühe mich… dies bedeutet, dass ich Prioritäten setzen muss und einiges länger dauern wird als gedacht. Eine weitere Herausforderung ist natürlich auch die teilweise rückwärtsgewandte Entwicklung der politischen, sozialen und gesellschaftlichen Situation, die es uns nicht leichter machen wird.

 

 

 

weird: Mit wem (Einzelpersonen, Organisationen etc.) arbeitest du zusammen?

 

Friederike Vogt: Es gibt sehr viele Organisationen mit denen ich zusammenarbeite, dies sind natürlich die bestehenden Projekte in Bielefeld, z. B. die Jugendgruppe mosaik vom Mädchentreff, Schlau Bielefeld, der begin Treff, Sozialarbeiter*innen von verschiedenen Projekten und Organisationen. Die Aidshilfe Bielefeld, Wildwasser und das Frauenkulturzentrum entwickeln z. B. gerade eine Sensibilisierungsmaßnahme für die Altenpflege, dies wird z. B. unterstützt von der Altenhilfeplanung der Stadtverwaltung. Die Drogenberatungsstelle ist dabei LSBTI* in ihren Angeboten sichtbarer zu machen. Auch gibt es erste Gespräche um die Bedarfe von LSBTI*- Menschen mit Behinderung oder Psychiatrieerfahrung zu erfragen und Angebote zu entwickeln. Aus der Verwaltung kommen immer wieder Menschen mit den unterschiedlichsten Fragestellungen und Themen zu mir, mit dem Ziel, Angebote für LSBTI* zu öffnen, zu entwickeln oder auch mit „fertigen“ Angeboten, wie beispielsweise einem Workshop „Stimmbildung für Trans* Menschen“, der im Oktober in der VHS stattfinden wird. Dies habe ich gar nicht so erwartet und freue mich besonders darüber. Gemeinsam mit der Pro Familia und dem Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst der Stadt sind wir außerdem dabei ein Trans*Hilfenetzwerk zu gründen, um die Unterstützung insbesondere auch von trans* Jugendlichen zielgerichteter und einfacher zu gestalten.

 

Ich bin aber auch im Kontakt mit diversen Landesfachstellen NRW und freue mich, dass zukünftig einige Veranstaltungen und Fortbildungen inzwischen in Bielefeld durchgeführt werden wie beispielsweise eine Fortbildung der Fachstelle queere Jugend NRW für Sozialarbeiter*innen die mit geflüchteten Jugendlichen arbeiten oder auch die Fachtagung „Identität_en – Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der Jugendhilfe“ der Fachberatungsstelle „gerne anders!“, die im November in Bielefeld durchgeführt werden wird.

 

 

 

weird: Es gibt bundesweit nicht viele Städte mit einer LGBTIQ Gleichstellung. Weißt du wie viele genau?

 

Friederike Vogt: Es gibt ein jährliches Koordinationstreffen im Frühjahr, das ich dieses Jahr somit leider nicht mitbekommen habe, aber es gibt bundesweit 22 Städte im Emailverteiler. Darüber hinaus gibt es ein auch NRW Netzwerk mit 9 Städten, wir haben einen guten Austausch und unterstützen uns und bringen z. B. gemeinsame Themen bei Gespräche im NRW Ministerium ein.

 

 

 

weird: Wie besonders und wegweisend ist die neue Bielefelder LGBTIQ Gleichstellung für dich?

 

Friederike Vogt: Vor Jahren war eine solche Stelle noch unvorstellbar. Die Stelle zeigt die positive Entwicklung und ist eine wichtige Unterstützung bei der Gleichstellung von LSBTI* in Bielefeld. Gerade jetzt, wo vieles in Frage gestellt wird und sich auch auf „alte deutsche Werte“ berufen wird ist sie umso wichtiger. Durch die Stelle kann nachhaltiger gearbeitet werden, vorhandene Strukturen besser genutzt und Sichtbarkeit geschaffen werden.

 

 

 

weird: Was verbindest du, verbindet dich mit Bielefeld?

 

Friederike Vogt: Ich lebe seit 25 Jahren in Bielefeld. Bielefeld ist insgesamt eine offene Stadt mit einem guten sozialen und kulturellen Angebot und mit kurzen Wegen ins Grüne. Der Austausch und auch das Miteinander der verschiedensten Organisationen und Menschen gefällt mir sehr gut. Bielefeld ist mein zu Hause, hier habe ich studiert und meinen Weg zu mir und in die Szene gefunden – auch wenn sie nicht mehr so vielseitig und groß ist, wie früher.

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (8/2018)

Foto: privat

Friederike Vogt ist seit 25 Jahren in Bielefeld. Ungefähr genauso lange ist sie in der Frauen- und Lesbenbewegung der Stadt aktiv. Sie engagiert sich bis heute u. a. seit vielen Jahren für das Frauenkulturzentrum Bielefeld und das Netzwerk lesbischer und schwuler Gruppen in Bielefeld e.V. und organisiert den CSD Bielefeld mit. Maßgeblich war sie zuletzt auch an der Entstehung des Aktionsplans „Gleichstellung von LSBTI* in Bielefeld“ beteiligt, der schließlich 2017 in den politischen Gremien verabschiedet wurde. Bereits 2002 und 2004 hatte Bielefeld als eine der erste Städte in NRW Handlungsprogramme entwickelt, um Benachteiligungen von Lesben und Schwulen abzubauen und die Gleichstellung zu fördern. Heute richtet sich der aktuelle Aktionsplan an das gesamte LGBTIQ-Spektrum. Im Sommer 2018 übernahm Friederike Vogt die neugeschaffene Stelle bei der Stadt Bielefeld zur Gleichstellung von LSBTI*. Warum das, was ihre Aufgaben sind, was der Plan beinhaltet und was sich in naher und weiter Zukunft für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans*, inter* und queere Menschen in Bielefeld positiv verändern soll, erzählt Friederike Vogt im aktuellen weird-Interview.

 

Online: http://www.bielefeld.de/de/rv/

ds_stadtverwaltung/gfr/LSBTI/

 

Interview-Steckbrief

- in eigenen Worten -

 

Name: Friederike Vogt

Alter: 45

Beruf: Dipl. Päd.

Wohnort: Bielefeld

Meine weirdeste Eigenschaft: Ich würde es eher als meine Stärke ansehen: Ich bin eine gute Netzwerkerin.

 

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Ausgabe Nr. 129

September 2018