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Dieselbe Menge an Respekt

 

 

 

 

 

Interview von 2010 mit Sara von

Tegan

And Sara

 

 

Interview: Christine Stonat (1/2010)

Fotos: Tre vor Br ady 2019

 

 

 

 

 

 

weird: Sara, wir telefonieren und ich weiß, dass du es bist. Aber, wenn ich euch das erste Mal persönlich gegenüber stehen sollte, wie würde ich euch auf Anhieb unterscheiden?

 

Sara: Wenn man uns bei einem Konzert sieht, ist es für die Leute einfach rauszufinden wer wer ist, denn wir reden auf der Bühne viel miteinander und interagieren. Das ist sehr interessant, denn die richtigen Fans können uns sogar anhand der Stimme erkennen und raushören, wer welchen Song geschrieben hat. Da sind also definitiv Unterschiede. Tegan hat eine mehr aggressive, aus sich herauskommende, extrovertierte Persönlichkeit. Ich bin hingegen eher zurückhaltender, meine Songs sind etwas weniger aggressiv. Also, wenn du uns siehst, dann wirst du den Unterschied zwischen uns sofort erkennen.

 

 

 

weird: Wie gefällt euch euer neues Album „Sainthood“?

 

Sara: (Lacht) Nun ja, das ist eine interessante Frage, aber, ich mag es sehr. Wenn wir Alben machen, haben wir glücklicherweise jedes Mal viele Leute, die involviert sind. Das Ziel ist immer, ein fertiges Produkt zu haben, das wir begeistert promoten können und gerne damit auf Tour gehen. Die Songs selbst verändern sich und wachsen, wenn wir sie live spielen. Aber ich bin sehr stolz auf sie und ich mag das Material des „Sainthood“ Albums wirklich sehr.

 

 

 

weird: weird gefällt „Sainthood“ auch sehr gut …

 

Sara: (Lacht, fast etwas erleichtert.)

 

 

 

weird: … u. a., weil es auf eindrucksvolle Weise eure gesamte musikalische Bandbreite zeigt. Siehst du das auch so?

 

Sara: Ja, ich denke schon. Es zeigt auf jeden Fall, dass wir gewachsen sind und wo wir uns auf unserer Reise Musik zu machen derzeit befinden. Es ist ein sehr starkes Album.

 

 

 

weird: Eine eher neuere Seite an dem Album ist das rockige Element. Woher kommt der Einfluss? Vielleicht u. a. von den Musiker_innen, die euch beim Einspielen der Songs unterstützt haben?

 

Sara: Das Ziel war es, das, was wir machen, wenn wir auftreten, zu nehmen und mit dem Album umzusetzen, so dass dieses Gefühl des Livespielens entsteht. Wir waren schon immer eine Rockband, wenn wir live agieren. Es ist schon manchmal durchaus auch etwas Schönes daran, wenn man ins Studio geht und irgendwie eigenbrödlerisch und allein für sich arbeitet, die Dinge lässig angeht (lacht). Aber mit diesem Album haben wir uns wirklich darauf konzentriert, die Energie und die Spannung unserer Liveshows einzufangen. Ich glaube, das ist uns gelungen. Deswegen haben die Leute das Gefühl, dass das Album eine rockigere Stimmung hat und im Ganzen etwas energetischer auf sie wirkt. Das liegt einfach am Perfomance-Aspekt bei den Aufnahmen. Wir haben schon immer auch mit anderen Musiker_innen gespielt, eine Band gehabt, aber diesmal hat nicht jeder für sich isoliert in einem Raum seinen Part unterm Kopfhörer eingespielt, sondern wir haben Wert darauf gelegt, dass alle im Studio zur selben Zeit zusammenspielen. Wir haben von morgens bis abends geprobt und gespielt und verschiedene Versionen aufgenommen. Das Interessante daran war, die Energie und die Verbindung zu einander zu spüren, wie jeder dem anderen gefolgt ist, wir haben uns regelrecht zusammen eingeschlossen. Das hat wirklich Spaß gemacht. Es war ähnlich als wenn wir zusammen auf der Bühne stehen. Das war wirklich cool.

 

 

 

weird: Jemand aus eurem direkten Musikbizumfeld hat mal zu euch gesagt, wenn ihr Jungs wärt, wärt ihr längst berühmter als ihr es ohnehin jetzt seid. Wie fühlt sich eine solche Aussage an?

 

Sarah: Tegan und ich hatten viele Jahre das Gefühl, dass wir nicht dieselbe Menge an Respekt bekommen würden, als wenn wir männlich wären. Wir haben gespürt, dass wir als Frauen, die Musik machen, die auch noch Musik machen, wie wir sie machen, härter üben müssen, um nicht in eine Schublade gesteckt oder mit irgendwas in Verbindung gebracht zu werden, nur weil wir Frauen sind. Wir haben uns in unseren Anfangsjahren sehr schwer damit getan. Ich denke, das ist heute definitiv vom Tisch. Heute empfinde ich das nicht mehr so sehr. Das hat wohl damit zu tun, dass wir uns schon zehn Jahre damit rumschlagen (lacht).

 

 

 

weird: Zehn lange Jahre und ihr seid immer noch sehr jung, 29 …

 

Sara: Oh, ja, sicher. Gemessen an unserer Karriere. Wir haben sechs Alben veröffentlicht. Wir sind viele gereist und haben viel erlebt. Die Leute müssen einfach anerkennen, was man geleistet hast. Mittlerweile fängt es an, dass diese Anerkennung für sich alleine steht und nicht unbedingt mit dem Geschlecht verbunden ist. Und das fühlt sich sehr gut an.

 

 

 

weird: Ihr kommt aus Kanada und lebt dort in verschiedenen Städten. Wie ist es für euch, wenn ihr getrennt und wie, wenn ihr zusammen seid?

 

Sara: Tegan lebt in Vancouver und ich lebe in Montreal. Nun, mittlerweile sind es acht Jahre, die wir in verschiedenen Städten wohnen, deshalb fühlt es sich normal an. Sie liebt die Westküste sehr, und ich liebe die Ostküste, das klappt bestens. Wir verbringen allerdings eine sehr lange Zeit zusammen auf den Tours, wir sind den Großteil des Jahres unterwegs. Wenn ich dann nach Hause fahre, ist es ganz natürlich in Montreal zu sein. Für Tegan und mich schafft es die Möglichkeit ein eigenständiges Leben zu führen, auch an anderen Projekten und Dingen zu arbeiten. Aber ich habe ein sehr enges Verhältnis zu meiner Familie und zu Tegan. Auch, wenn wir nicht zusammen sind, haben wir ein sehr intensives Leben. Die Band ist ein Fulltimejob, wir führen ein Merchandise-, ein Publishing- und ein Tourunternehmen, wir machen Bücher und Nebenprojekte, wir produzieren Alben. Tegan und ich arbeiten immer an irgendetwas (lacht), auch, wenn wir nicht auf Tour sind. Ja, wir haben eine sehr starke Verbindung, aber nichts Aufregendes … (lacht).

 

 

 

weird: Rockig, poppig, elektronisch, wie schnell wisst ihr von der ersten Songidee bis zur Umsetzung welche Richtung ein Song nimmt?

 

Sara: Wenn Tegan und ich zusammenarbeiten, reden wir natürlich darüber, wohin ein Song gehen könnte. Wir exerzieren das alles ausgiebig durch bevor wir ein neues Album machen und unterlegen erste Drums und Bass und so was, um auch der Band eine Idee davon zu geben, was wir wollen. Als Musikerin und Songschreiberin weiß ich im Allgemeinen, selbst wenn ein Song noch sehr, sehr, sehr nackt ist, zumindest grob einen Rahmen wie die Instrumentierung im Studio hierfür aussehen soll. Ich bin ziemlich gut darin, so etwas im Voraus herauszufinden.

 

 

 

weird: Auf der Bühne hat man bei euch beiden immer den Eindruck, dass ihr sehr, sehr vertieft seid in eure Musik, in das was ihr tut. Was ist es, was ihr live auf der Bühne fühlt oder auch nicht fühlt?

 

Sara: Das Außergewöhnliche am Musik machen ist, dass es wie eine Art Meditation ist. Vergleichbar mit Laufen oder so etwas. Du verlierst den Blick auf deine momentanen Bewegungen und hörst auf über jede Kleinigkeit, die du tust, nachzudenken, die du tust. Das wirkt sehr entspannend und beruhigend. Ich denke sehr selten über die Texte nach oder worüber es etwas in dem Song gefühlsmäßig geht. Für mich ist es viel leichter den Song, die Musik und das Erlebnis mit dem Publikum einfach nur zu spüren.

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (1/2010)

Fotos: Tre vor Br ady 2019

2019 feiern Tegan And Sara 20-jähriges Jubiläum. 1999 erschien ihr erstes Album „Under Feet Like Ours“. Seit Ende September 2019 gibt es etwas Neues von dem Indie-Musik-Duo. Das neue, neunte Studioalbum heißt „Hey, I‘m Just Like You“ (Sire/Warner, 9-2019). Dazu gibt es ihre erste Autobiographie „High School“ (MCD, 9-2019) (beides s. weird Archiv-Ausgabe Nr. 139 September 2019 „Artefakt“). Album wie Buch gehen zurück auf die ersten musikalischen Anfänge in jungen Teenagerjahren. Die beiden kanadischen Zwillingsschwestern Tegan und Sara Quinn sind lesbisch und natürlich ist auch das ein Thema. Tegan And Sara sind mit und neben ihrer Musik seit Beginn ihrer Karriere aktivistisch tätig. U. a. haben sie 2016 die Tegan And Sara Foundation gegründet, mit der sie für wirtschaftliche Gerechtigkeit, Gesundheit und Repräsentation von und für LGBTQ Mädchen und Frauen kämpfen. Am 19.9.19 wurden Tegan und Sara 39 Jahre alt.

 

Das nebenstehende Telefon-Interview mit Sara von Tegan And Sara ist erstmals in der weird-Ausgabe Nr. 28 Februar 2010 auf www.weird-bielefeld.de erschienen. Thema war ihr damalig neues Album „Sainthood“ (Warner).

 

Online: www.teganandsara.com

www.teganandsarafoundation.org

 

 

 

Tegan And Sara

„Hey, I’m Just Like You“ (Sire/Warner)

Out: seit 27.9.19

Single: „I’ll Be Back Someday“

 

Tegan And Sara

„High School“ (MCD)

Autobiographie, 384 S., Englisch, gebunden

Out: seit 24.9.19

Ausgabe Nr. 140

Oktober 2019

Foto: Tre vor Br ady 2019