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Vita

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Queerdolls

 

 

 

 

 

 

Interview

Jessica

Kroll-Holtmann

 

 

Interview: Christine Stonat (9/2020)

Fotos: Jessica Kroll-Holtmann

 

 

 

 

 

 

 

 

weird: 2012/13 hast du mit Queerdolls begonnen. Wie und warum ist die Idee entstanden und mit welchem Ziel?

 

Jessica Kroll-Holtmann | Queerdolls: Ich hatte mir auf dem Flohmarkt einige Kens und Barbies gekauft, um sie als Dekoration zu benutzen. Die Klamotten haben mir allerdings nicht gefallen und dann habe ich begonnen im Internet nach „moderner“ Kleidung zu suchen. Dazu kamen kleine Rainbow-Flaggen, und dann fing ich an die entstandenen Szenen zu fotografieren. Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich für Freund*innen Geburtstagskarten und Kalender gemacht habe. Irgendwann entdeckte ich Instagram und hatte direkt viel Resonanz. Ich wollte aber auch eine Botschaft vermitteln. Mein Lieblingsthema war die Ehe für alle. Die Fotos habe ich auch immer @bundeskanzlerin gepostet aber ... da kam keine Antwort ...

 

 

 

weird: Du bist Fotografin. Hast du Queerdolls eher als Kunst- oder als politisches Projekt gesehen? Trennst du das überhaupt?

 

Jessica Kroll-Holtmann | Queerdolls: Ich kombiniere die künstlerischen Aspekte mit politischen Statements und versuche es mit gewissem Unterhaltungswert zu verbinden.

 

 

 

weird: Wie würdest du sagen, hat sich das Projekt über die Jahre bis heute verändert?

 

Jessica Kroll-Holtmann | Queerdolls: Ich werde immer detailreicher und diverser. Es schreiben mir immer mehr queere Menschen und schildern mir ihre Lebenssituation oder schreiben ihr Leben. Ich freue mich natürlich über das Vertrauen und versuche auch, sofern möglich, sie zu unterstützen.

 

 

 

weird: Mit Queerdolls versuchst du eine möglichst diverse LGBTIQA-Community abzubilden. Dabei geht es auch um Intersektionalität. Hast du bei der Arbeit auch eigene internalisierte Stereotype, Vorurteile und Nicht-Awareness bei dir selbst „überarbeiten“ müssen?

 

Jessica Kroll-Holtmann | Queerdolls: Im Laufe des Projektes habe ich einige Denkweisen neu überarbeiten müssen, da ich mich vorher damit nicht beschäftigt habe. Zum Beispiel gibt es in meinem Bekanntenkreis keine Menschen mit Beeinträchtigungen ...

 

 

 

weird: Sexuelle Orientierung und Identität ist ja grundsätzlich etwas nicht Sichtbares. Und so können wir als Betrachter_innen auch nicht sehen, ob die abgebildeten Puppen in den Fotos jemanden „verkörpern“, die_r lesbisch oder schwul, bisexuell oder pansexuell oder asexuell ist. Oder cis, trans*, non-binary oder inter*. Oder queer. Die Zuschreibung beginnt allein in unserem Kopf. Wie versuchst du bei deiner Arbeit zu deinen Fotos, Stereotype konkret aufzubrechen und Betrachter_innen neue Sichtweisen abseits der Norm und ihres eigenen Horizonts zu ermöglichen, Awareness zu schaffen?

 

Jessica Kroll-Holtmann | Queerdolls: Ich versuche mit meinen QUEERDOLLS eine möglichst große diverse Gesellschaft abzubilden. Das mache ich auch mit einem Augenzwinkern da ich ein positiver und humorvoller Mensch bin. In den etwas homoerotisch angehauchten Szenen versuche ich die sexuelle Orientierung sichtbar zu machen.

 

 

 

weird: Bei den Barbie-Macher_innen selbst hat sich ja in den letzten Jahren auch ein bisschen etwas getan. 2019 gab es u. a. eine neue „geschlechtsneutrale“ Puppen-Kollektion. Sind sie schon auf dich aufmerksam geworden?

 

Jessica Kroll-Holtmann | Queerdolls: Bis jetzt nicht, aber das ist auch bei meiner künstlerischen Arbeit nicht mein Ziel.

 

 

 

weird: Von der Puppe über die Kleidung bis zu den Accessoires, Hilfsmitteln, Requisiten und Settings. Wie planst du ein neues queeres Paar und Foto?

 

Jessica Kroll-Holtmann | Queerdolls: Oh, da bin ich sehr spontan

 

 

 

weird: Du hast in Innenarchitektur studiert – in Detmold –, sind deine Fotos deshalb so detailreich?

 

Jessica Kroll-Holtmann | Queerdolls: Das spielt bei der Ausgestaltung der Settings sicherlich eine Rolle.

 

 

 

weird: Du modellierst die Puppenkörper u. a. mit Knete neu, richtig!? Aus welchen Jahren sind die Puppen, mit denen du arbeitest und wie viele Barbies besitzt du mittlerweile?

 

Jessica Kroll-Holtmann | Queerdolls: Um zeitgemäß zu bleiben, benutze ich eher neue Puppen. Das beläuft sich auf etwa 25, insgesamt habe ich über 100. Ich ergänze eher die Köper, als dass ich sie neu forme und bastle Dinge, die es so nicht zu kaufen gibt, z.B. kleine Wärmflaschen

 

 

 

weird: Wo bekommst du die immer passende Kleidung und die vielen Accessoires her? Sind die Kleidungsstücke und Accessoires alle Unikate?

 

Jessica Kroll-Holtmann | Queerdolls: Das ist mein Geheimnis

 

 

 

weird: Wie arbeitest du an den Frisuren?

 

Jessica Kroll-Holtmann | Queerdolls: Ich schneide die Haare ab. Lach ... Das habe ich als Kind auch schon gemacht, allerdings klappt das jetzt viel besser.

 

 

 

weird: Du fotografierst deine queeren Barbie-Paare bei dir zuhause, aber auch draußen in der Stadt oder in der Natur. Sie reisen oft mit dir. Wie wählst du deine Settings aus? Und was war bisher das ungewöhnlichste oder am weitesten entfernte Setting?

 

Jessica Kroll-Holtmann | Queerdolls: Ich nehme immer das ganze Equipment mit und fotografiere vor Ort spontan. Faktoren wie Wetter, Licht, Location spielen eine große Rolle. Egal wo ich bin, ob Berlin, Skagen, Hamburg oder in Holland ... im Café, im Stau, im Museum.

 

 

 

weird: Mit den Puppen scheint grundsätzlich alles möglich. Oder gibt es Grenzen für die Arbeit mit den Barbie-Puppen? Oder ist das gerade die Herausforderung, diese vermeintlichen Grenzen immer wieder neu zu überwinden?

 

Jessica Kroll-Holtmann | Queerdolls: Erstmal ist alles machbar! Die Details sind ein Produkt unsere Phantasie. Ich versuche ja die Szenen so realistisch zu arrangieren, dass die Betrachter*innen vergessen, dass es sich um Puppen handelt.

 

 

 

weird: Was war und ist die größte Herausforderung bei deiner Arbeit?

 

Jessica Kroll-Holtmann | Queerdolls: Oftmals ist es der Wind. Manchmal baue ich lange auf und dann fliegt alles weg ...

 

 

 

weird: Du kommst ursprünglich aus Dortmund und lebst seit 2012 in Bielefeld. Warum Bielefeld?

 

Jessica Kroll-Holtmann | Queerdolls: Als ich vor 16 Jahren meine Freundin/Lebenspartnerin/Ehefrau kennengelernt habe, stellte sich irgendwann die Frage, wo wir leben wollen. Als wir dann ein Häuschen am Stadtrand gefunden hatten, war es endlich soweit.

 

 

 

weird: Du lebst gemeinsam mit deiner Frau in Bielefeld. Findest du dich in dem ein oder anderen Paar, das zu kreierst, auch selbst wieder?

 

Jessica Kroll-Holtmann | Queerdolls: Es gibt natürlich Situationen, in denen ich mich wiederfinde, es geht ja um Einblicke in den queeren Alltag.

 

 

 

weird: Von August bis September 2020 war eine Queerdolls-Ausstellung im Alten Rathaus Bielefeld zu sehen. Wie ist generell die Resonanz auf deine Arbeit?

 

Jessica Kroll-Holtmann | Queerdolls: Durchweg positiv, ich denke es ist ein Erfolg. Sehr gefreut habe ich mich auch über den Besuch einer Schulklasse, mit der Möglichkeit den Jugendlichen meine Bilder zu erklären, Fragen zu beantworten etc.

 

 

 

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (9/2020)

Fotos: Jessica Kroll-Holtmann

Jessica Kroll-Holtmann (52) kommt aus Dortmund und lebt seit einigen Jahren mit ihrer Frau in Bielefeld. Seit 2012/13 engagiert sie sich mit ihrem queeren intersektionalen Fotoprojekt „Queerdolls“ sowohl politisch als auch fotografisch für Gleichberechtigung. Jessica Kroll-Holtmann nimmt handelsübliche Barbie- und Ken-Puppen, verändert sie und positioniert sie neu, um, auch weg vom noch immer stereotypen Image der Puppe, eine möglichst diverse LGBTIQA-Community abzubilden. Dabei bricht Jessica Kroll-Holtmann gesellschaftliche Normen auf und schafft zugleich bisher nicht dagewesene individuelle Identifikationsmöglichkeiten für LGBTIQA-Personen sowie queere Barbie-Fans. Im September 2020 fand eine Ausstellung im Alten Bielefelder Rathaus statt. Käuflich zu erwerben gibt es u. a. Postkarten und Kalender. Der neue Queerdolls-Kalender 2021 erscheint im Oktober 2020.

 

Die Innenarchitektin und ehemalige WDR-Fernsehmoderatorin hat ihre Barbie-Puppen und Fotoausrüstung für immer neue Fotoaufnahmen immer dabei. Wann und wo und wie es überhaupt dazu kam, das und mehr hat Jessica Kroll-Holtmann weird im aktuellen E-Mail-Interview erzählt.

 

Online: www.queerdolls.de

 

 

Jessica Kroll-Holtmann

„Queerdolls 2021”

Fotokalender

Out: Oktober 2020

Fotomotiv: weird Schriftzug in rot auf schwarzem Hintergrund (Postkarte, die in pinkfarbenen Erikablüten steckt).weird Facebook Logo mit Linkweird YouTube Logo mit Linkweird Twitter Logo mit Link

A queer perspective on womxn in pop culture

Zu queeren Themen in dieser Rubrik mit dem YouTube-Logo findet ihr Videofeatures auf weirds YouTube-Kanal PLAYLIST „10/2020 Artefakt …“

weird-Interview-Profil

in eigenen Worten

 

Name: Jessica Kroll-Holtmann

Alter: 52

Beruf: vielseitig

Wohnort: Bielefeld Altenhagen

Meine weirdeste Eigenschaft: mein Schlafanzug muss immer zur Bettwäsche passen

Ausgabe Nr. 151

Oktober 2020

Queerdolls

by Jessica Kroll-Holtmann

Jessica Kroll-Holtmann

Queerdolls

by Jessica Kroll-Holtmann