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Vita

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Die Musik für mich

 

 

 

 

 

 

 

Interview

Linda Wirth

 

 

Interview: Christine Stonat (10/2020)

Fotos: Pressefotos

 

 

 

 

weird: Welche Bedeutung hat Musik in deinem Leben?

 

Linda Wirth: Seit meiner frühesten Kindheit ist die Musik für mich ein Anker. Wenn ich mich von niemandem verstanden und allein fühlte, dann war die Musik für mich da – und das war in meiner Kindheit und Jugend oft der Fall. Indem ich Musik hörte und selbst machte, flüchtete ich in eine andere Welt. Mit sechs Jahren lernte ich Klavier spielen. Kurz darauf brachte ich mir selbst Gitarre und Schlagzeug spielen bei. Schnell wurde die Musik eine Art Zuhause und beste Freundin für mich. Neben meiner Familie ist die Musik für mich das Wichtigste auf der Welt. Auf der Bühne kann ich ich selbst sein und frei von Selbstzweifeln meine Gefühle ausdrücken. Bei meiner Selbstfindung (mir war schon sehr früh klar, dass ich lesbisch bin) hat mir die Musik den nötigen Halt gegeben. So konnte ich schon in jungen Jahren zu meinen Gefühlen für Frauen stehen. Es folgten jedoch einige unerwiderte Lieben und andere schmerzhafte Erfahrungen in Sachen Liebe. In den schwersten Zeiten fiel es mir oft schwer, überhaupt das Bett am Morgen zu verlassen. Die Gitarre stand dann manchmal wochenlang unbeachtet in der Ecke. Bis mir klar wurde, dass mich nur die Musik aus dem Loch holen konnte. Auch heute noch ist die Musik meine hilfreichste Therapeutin und das wirksamstes Antidepressivum.

 

 

 

 

weird: Kannst du etwas zu deinen Tattoos erzählen!? Sichtbar viele davon haben etwas mit Musik zu tun.

 

Linda Wirth: Richtig erkannt ;-) Fast alle meine Tattoos thematisieren die Musik (ein Violinschlüssel, zwei meiner Gitarren, etliche Noten, eine Klaviertastatur, eine Kassette, ein Mikrofon, Kopfhörer und auf dem Rücken das Farewell-Tour-Logo meines Idols Cher). Auf meiner Haut spiegelt sich sozusagen mein Innerstes – meine Seele – wider. Zudem habe ich noch zwei andere Tattoos, die ich nach meinem siebenmonatigen USA-Aufenthalt 2013 habe stechen lassen (die Golden Gate Bridge und eine etwas abgewandelte USA-Flagge). Mit etwa 20 Jahren habe ich mir mein erstes Tattoo stechen lassen – den Violinschlüssel am rechten Unterarm. Und da ich schon früh beschlossen hatte, dass ich beide Arme komplett tätowiert haben möchte, blieb es nicht lange bei diesem einen Tattoo.

 

 

 

 

weird: Hast du ein ganz bestimmtes Lieblingsinstrument, vielleicht eines mit einer ganz besonderen Geschichte?

 

Linda Wirth: Mit all meinen Gitarren, mit meinem Stage Piano und auch mit meinem Schlagzeug verbinde ich besondere Momente und Erinnerungen. Durch die Jahre und die vielen Auftritte, die man gemeinsam bestreitet, wächst man zusammen und die Instrumente werden zu engen Vertrauten. Mein Lieblingsinstrument – mein altes Klavier, auf dem ich meine ersten Songs geschrieben hatte, mussten wir leider verkaufen, als wir umgezogen sind. Das schmerzt bis heute. Ein weiteres, sehr besonderes Instrument, ist für mich eine Martin Gitarre, die mir ein guter Freund schenkte, wenige Tage bevor er an Krebs verstarb. Er wusste, dass seine wertvolle Gitarre bei mir in guten Händen ist und ein Teil von ihm weiterhin auf der Bühne stehen kann – in Form von seiner Gitarre.

 

 

 

 

weird: Dein letztes Album „No Words“ ist von 2012. Arbeitest du an einem neuen Album?

 

Linda Wirth: Ja, ich arbeite derzeit an neuen Songs und im Zuge dessen an einem neuen Album. Dieses wird mehr „Bandcharakter“ aufweisen – anders als das Gesang/Akustikgitarre-Album „No Words“. Der Plan ist, dass ich alle Instrumente selbst einspiele. Momentan bin ich vor allem an der Instrumentalisierung der Songs – das heißt bei welchem Song/Songpart spiele ich welchen Gitarrensound, welchen Drumbeat etc. Außerdem experimentiere ich viel mit Genres: Einen auf der Akustikgitarre geschriebenen Song kann ich zu einer Dance-, aber auch zu einer Rock-Nummer verwandeln. Das ist sehr interessant und es macht großen Spaß, mit diesen Genres zu spielen und Elemente aus verschiedenen Musikrichtungen zu kombinieren.

 

„No Words“ enthält sehr viele autobiografische Songs. Dies wird sich auch auf dem neuen Album nicht ändern, da ich in meinen Liedern hauptsächlich eigene Erfahrungen, Gefühle, Kummer etc. verarbeite.

 

 

 

 

weird: Deine neue Single „Pride“ erschien im Sommer 2020 und ist dem CSD Stuttgart gewidmet. Wie entstand die Idee eine LGBTIQA-Hymne zu schreiben?

 

Linda Wirth: Mir war es schon seit längerer Zeit ein Bedürfnis, der Regenbogen-Community einen Song zu widmen, da ich im Laufe der vergangenen Jahre mit einigen Menschen in Kontakt gekommen bin, die nicht zu ihrer sexuellen Orientierung bzw. zu sich selbst stehen können/wollen. In der heutigen, vermeintlich so offenen und liberalen Zeit gibt es noch immer so viel Diskriminierung und Gewalt gegen LGBTIQAs. Das beschäftigt mich sehr. Ich bin ein Mensch, der sehr auf Gerechtigkeit bedacht ist. Es macht mich wütend, traurig und fassungslos, dass friedlich liebende Menschen in der Gesellschaft noch immer – oder vielleicht auch wieder häufiger, wie mir viele berichten – auf Ablehnung stoßen und sogar aufgrund ihrer sexuellen Identität bedroht und verletzt werden. Mit meinem Song „Pride“ möchte ich einen kleinen Teil dazu beitragen, Menschen zu bestärken, trotz – oder gerade wegen der oft fehlenden Toleranz – offen zu sich zu stehen und stolz darauf zu sein, wer/was man ist. Und obwohl der Song durch seinen Dance-Charakter zum Tanzen anregt und gute Laune machen soll, war meine Intension ebenso, auch Leute, die mit LGBTIQA nichts am Hut haben und „CSD“ für eine Volkspartei halten, aufmerksam zu machen auf die Ungleichbehandlung.

 

 

 

 

weird: Wie lebst du in Stuttgart?

 

Linda Wirth: Seit meines Anglistik- und Germanistik-Studiums – also schon seit über zehn Jahren – lebe ich sehr zentral in Stuttgart in einer 8er-WG. Für mich ist es schön, nie alleine zu sein, aber wenn ich mal Ruhe brauche, kann ich mich jederzeit in mein Zimmer zurückziehen oder zu meinen Eltern in die Heimat, nach Bad Mergentheim, fahren. Dort genieße ich vor allem die Ruhe und die Natur. Jedoch sind die meisten meiner Freunde und ein Großteil meines Musik-Netzwerks in Stuttgart.

 

 

 

 

weird: Wie erlebst du es lesbisch zu sein in Stuttgart?

 

Linda Wirth: Trotz der weit über 600.000 Einwohner wirkt Stuttgart für mich eher wie ein großes Dorf, was die Mentalität der Menschen angeht, die oft sehr konservativ ist. Es gibt in der Stadt – im Vergleich zu anderen Großstädten – sehr wenige Angebote für lesbische Frauen. Ich bin keine Szenegängerin, weswegen mich der Mangel an Clubs und Partys für Lesben nicht weiter stört, aber ich wünsche mir dennoch, dass Stuttgart im Hinblick auf LGBTIQA-Akzeptanz und -Selbstverständlichkeit großstädtischer wird. Was den Stuttgarter CSD betrifft – da sind wir sehr gut aufgestellt. Der Verein (IG CSD Stuttgart e.V.) ist der Größte Süddeutschlands und hat auch in diesem – doch sehr außergewöhnlichen – Jahr, ohne Parade etc., ein sehr vielseitiges Programm auf die Beine gestellt.

 

 

 

 

weird: Als Musikerin, wie erlebst du die Pandemie-Zeit?

 

Linda Wirth: Durch meinen Song „Pride“ hatte ich das Glück, an verschiedenen – hauptsächlich virtuellen – Veranstaltungen des CSD Stuttgart auch in Corona-Zeiten teilnehmen zu können. Allerdings sind viele andere Veranstaltungen und Auftritte Pandemie-bedingt abgesagt und/oder auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Das schmerzt sehr und macht natürlich auch Angst vor der Zukunft. Es mangelt an Perspektiven und Unterstützung für Kulturschaffende und lässt mich oft nur schwer ertragen, zu sehen, dass gleichzeitig riesige, Gewinne einfahrende Firmen mit Milliarden bezuschusst werden. Ganz selbstverständlich steht für mich aber fest, dass die Gesundheit in Pandemiezeiten Vorrang hat und alte sowie vorgeschädigten Menschen durch die Maßnahmen geschützt werden müssen. Meinen Traum, eines Tages vor mehreren tausend Menschen auf der Bühne zu stehen, werde ich jedoch nicht so einfach aufgeben. Ich bleibe optimistisch.

 

 

 

 

weird: Wer weiß, was kommen wird, aber hast du Pläne für den Rest von 2020 und für 2021 gemacht?

 

Linda Wirth: Es stehen noch ein paar kleine Auftritte 2020 an – wenn es die Pandemie zulässt. Des Weiteren sind für 2020 und auch für 2021 Songwriting und Studioaufnahmen geplant.

 

 

 

 

weird: Ende September 2020 hattest du einen Auftritt in der SWR-Fernsehsendung „Kaffee oder Tee“. Dein erster Fernsehauftritt? Wie war’s?

 

Linda Wirth: Schon im Sommer durfte ich das erste Mal vor der TV-Kamera stehen – beim Stuttgarter Regionalsender Regio TV. Das war schon sehr aufregend, weil das Sprechen vor Menschen oder auch vor der Kamera nicht meine Stärke ist. Allerdings muss ich sagen, dass die Bedenken schnell vergessen waren und ich großen Spaß bei der Sache hatte. Ebenso vor Kurzem, im September, live bei „Kaffee oder Tee“. Da ging ein kleiner Traum in Erfüllung: Meine Musik vor einem größeren Fernsehpublikum präsentieren zu können. Eine wunderschöne Erfahrung und sehr interessant, mal alles hinter den Kulissen zu erleben. Es war mir davor gar nicht richtig bewusst, wie viel Aufwand hinter einer solchen TV-Produktion steckt. Die große, sehr positive Resonanz nach meinem Auftritt hat mich bestärkt in meinem Tun und natürlich unheimlich gefreut.

 

 

 

 

weird: Linda Wirth und weird. Passt irgendwie, wenn man’s dementsprechend ausspricht, oder!? :- ) Wie weird bist du?

 

Linda Wirth: Haha, ja, den passenden Nachnamen habe ich schon mal, aber viel mehr wohl auch nicht. Ich bin eigentlich relativ un-weird – nicht zu verwechseln mit langweilig. Das bin ich nämlich nicht! ;-) Aber ich würde sagen, ich bin ziemlich „normal“. Noch vor zehn Jahren hätte ich mich bestimmt anders beschrieben, aber mittlerweile – vielleicht auch durch Corona noch verstärkt – bin ich ziemlich bodenständig und besinne mich auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben: Gesundheit, Zufriedenheit, ehrliche Begegnungen mit Menschen. Jedoch lasse ich mich nicht in eine Schublade pressen, was mein Erscheinungsbild und meine Lebensweise angehen. Die Welt ist in stetigem Wandel, so auch wir. Zwar bleiben meine Grundwerte die Selben, doch verändere ich mich aufgrund von Erfahrungen und äußeren Einflüssen permanent und so erfinde ich mich immer wieder neu. Dadurch passt man zwar oft nicht in das Schema, das viele Leute für ihr Leben festgelegt haben – einmal ausgelotet und dann daran festgehalten –, aber nur so kann man sich selbst treu bleiben. Das ist zumindest meine Meinung. Klingt vielleicht doch etwas weird ... ;-)

 

 

 

 

weird: Du hast am 8. November deinen 32. Geburtstag. Was wünschst du dir?

 

Linda Wirth: Im Laufe der Jahre sind mir materielle Dinge immer weniger wichtig geworden. Natürlich muss der Lebensunterhalt gesichert sein – insofern spielt Geld immer eine gewisse Rolle im Leben. Ich mache mir jedoch nichts aus Statussymbolen und laufe keinen Trends hinterher. Deshalb wünsche ich mir für mein kommendes Lebensjahr vor allem viel Zeit für Familie und Freunde und dass wir alle gesund bleiben.

 

 

 

 

weird: Die Pandemie ist vorbei. Jetzt. Einfach so. Komplett. Was tust du als erstes?

 

Linda Wirth: Ich glaube, ich würde zu aller erst Freunde und Familienmitglieder besuchen, die zur Risikogruppe gehören und die ich deshalb in den letzten Monaten nicht persönlich treffen konnte. Die würden alle von mir eine ganz feste Umarmung bekommen. So ein in-den-Arm-nehmen fehlt mir – und ich denke, vielen anderen auch – sehr.

 

 

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (10/2020)

Fotos: Pressefotos

Linda Wirth ist Sängerin, Songschreiberin und Multiinstrumentalistin. Sie lebt in Stuttgart und ist lesbisch. Nach ihrem wunderschönen überwiegend akustischen Album „No Words“ von 2012 gab es im Sommer 2020 mit der Single „Pride“ erstmals wieder etwas Neues von Linda Wirth. Mit „Pride“ schrieb die Musikerin eine hitverdächtige LGBTIQA-Dance-Hymne für den CSD Stuttgart 2020. Am 8. November 2020 wird Linda Wirth 32 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch! weird hat ein E-Mail-Interview mit ihr geführt, über die Bedeutung von Musik, ihr Album „No Words“, ihre neue Single „Pride“, ihre Arbeit an einem neuen Album und vieles mehr.

 

Online: www.lindawirthmusic.de

 

 

 

Linda Wirth

Single: „Pride“

Out: seit Juni 2020

 

Linda Wirth

„No Words“

Out: seit 2012

Single: „Anymore“

Fotomotiv: weird Schriftzug in rot auf schwarzem Hintergrund (Postkarte, die in pinkfarbenen Erikablüten steckt).weird Facebook Logo mit Linkweird YouTube Logo mit Linkweird Twitter Logo mit Link

A queer perspective on women in pop culture

Zu queeren Themen in dieser Rubrik mit dem YouTube-Logo findet ihr Videofeatures auf weirds YouTube-Kanal PLAYLIST „11/2020 Artefakt …“

weird-Interview-Steckbrief

            In eigenen Worten

 

Name: Linda Wirth

Alter: 31

Beruf: Musikerin

Wohnort: Stuttgart

Meine weirdeste Eigenschaft: Wenn ich müde bin, zwirble ich ständig meine Haarsträhnen.

 

 

Linda Wirth

Linda Wirth

13 Jahre weird!

November 2007 - November 2020       

Ausgabe Nr. 152

November 2020

DIE JUBILÄUMSAUSGABE

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