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Interview

Queer Rainbow

Family |  Bettina Scherwitzl

A queer perspective on women in pop culture

Ausgabe Nr. 155

Februar 2021

Interview: Christine Stonat (1/2021)

Foto + Logo: Queer Rainbow Family

 

 

 

weird-Interview-Steckbrief:

 

Name: Bettina Scherwitzl

Alter: 28

Beruf: Hospiz & Psychiatrie Fachkraft in meiner Berufung der Altenpflege

Wohnort: Tirol

Meine weirdeste Eigenschaft: Ich liebe meine Katzen so sehr, dass ich ihnen manchmal auf der Arbeit sogar auf WhatsApp schreiben und ihnen sagen möchte, wie sehr sie mir fehlen und ich bald wieder zuhause bin. :-D

 

 

 

Die Österreicherin Bettina „Tina“ Scherwitzl ist Gründerin einer der größten deutschsprachigen LGBTIQA-Facebook-Gruppen Queer Rainbow Family. Die Gruppe hatte, Stand: Januar 2021, über 6400 Mitglieder (i.d.R.) aus Österreich, Deutschland und der Schweiz. Die Gruppe ist privat und die Beiträge nicht öffentlich für alle sichtbar. Im Dezember 2020 wurde Queer Rainbow Family jetzt ein Verein. Bettina Scherwitzl ist die Vereinsvorsitzende. Sie ist Ansprechpartnerin für Öffentlichkeitsarbeit, Networking, Events und bei Problemen jeglicher Art. Im Juni 2019 hat sie die LGBTIQA-Facebook-Gruppe gegründet. Der Versuch, einen Safeplace zu schaffen und die Menschen hinter den Buchstaben LGBTIQA+ zueinander zu bringen, ist aufgegangen. Im aktuellen weird-Interview erzählt Bettina Scherwitzl, was genau Queer Rainbow Family ist und will und was es besonders macht.

 

Online: www.queer-rainbow-family.lgbt

Facebook-Gruppe: www.facebook.com/groups/1110563002447521

 

 

 

 

 

 

weird: Wie und wann entstand die Idee zur Gründung der Facebook-Gruppe Queer Rainbow Family? Und was ist dann passiert?

 

Queer Rainbow Family | Bettina Scherwitzl: Immer wenn ich auf Facebook nach LGBTIA+ Gruppen geschaut habe, habe ich nur spezifische Lesben-, Schwulen-, Trans-, oder datingbezogene Gruppen gefunden. Ich wollte aber gerne eine Gruppe finden, in der „jeder einzelne Buchstabe“ berücksichtigt wird. Als ich nicht fündig wurde, habe ich mir gedacht: „Warum nicht selbst gründen?!“ Das habe ich dann gemacht und mich bei dem Gruppennamen ganz bewusst für das Wort „Family“ entschieden. Bis heute sind wir auf mehr als 6.000 Mitglieder gewachsen und haben ein 15-köpfiges Moderator*innen-Team, welches Tag & Nacht daran arbeitet, dass die Gruppe ein Safeplace bleibt, wo sich jeder drin wohl fühlt.

 

Wir haben uns einen Ort gewünscht, an dem man vorurteilsfrei und sicher aufeinander zugehen und miteinander kommunizieren kann. Sucht man auf Facebook nach LGBTIA+ Gruppen gibt es häufig nur spezifische Lesben-, Schwulen-, Trans-, oder datingbezogene Gruppen. Ich wollte gerne jeden „einzelnen Buchstaben“ der LGBTIA+ Szene berücksichtigen und habe mir ganz bewusst für das Wort „Family“ in der Gruppenbezeichnung entschieden.

 

Ellen Rutz hat unser Logo selbst entworfen, es soll Zusammenhalt symbolisieren. Jede Hand trägt die Farbe einer LGBTIA+ Flagge, denn wir sind eine Familie. Eine helfende Hand für jede Seele.

 

Mit einem starken Moderator*innen-Team, welches Tag und Nacht arbeitet, um den Safeplace beizubehalten, hat die Gruppe mittlerweile über 6.400 Mitglieder (Stand Januar 2021) und wurde schon in Szenemagazinen (wie beispielsweise Schwulissimo, XTRA! und GLEICHLAUT) für die tolle Arbeit gelobt.

 

Durch die Erfahrung mit unseren Gruppenmitgliedern haben wir erkannt, dass es nicht reicht „nur“ eine Facebook Gruppe zu betreiben und haben es uns zur Aufgabe gemacht auch außerhalb der sozialen Medien einen Safeplace aufzubauen.

 

Aus diesem Grund sind wir seit Dezember 2020 ein eingetragener Verein zur Förderung von LGBTIA+ Themen.

 

 

 

 

weird: Kannst du etwas zur Entstehung des Logos mit den Flaggen auf den Händen erzählen?

 

Queer Rainbow Family | Bettina Scherwitzl: Ellen Rutz, Moderatorin unserer Facebook-Gruppe und nun auch kreativer Kopf in unserem Verein, hat unser Logo selbst entworfen, es soll Zusammenhalt symbolisieren. Jede Hand trägt die Farbe einer LGBTIA+ Flagge, denn wir sind eine Familie. Sozusagen: „Eine helfende Hand für jede Seele.“ Und was ich auch immer schön finde zu erwähnen, ist, dass es tatsächlich Ellens Hände sind, die man dort sind und sozusagen für das Logo Model stehen mussten.

 

 

 

 

weird: Was hat sich unter der seit Januar 2020 neuen Regierung von Bundeskanzler Kurz für LGBTIQA in Österreich verändert?

 

Queer Rainbow Family | Bettina Scherwitzl: Leider unserer Meinung nach nicht ausreichend. Ja, die Ehe für alle wurde vom obersten Gerichtshof entschieden. Allerdings hat Bundeskanzler Kurz dazu nur wenig und verhalten Stellung bezogen. Er respektiert die Entscheidung. Eine bessere Aussage konnte man von ihm dazu nicht erhalten, was sehr schade ist.

 

Gerade bei einem so jungen Kanzler sind wir davon ausgegangen, dass er auch unseres Jahrhunderts entsprechend regiert. Wir würden uns sehr freuen, wenn er die Entscheidung vom Gerichtshof nicht nur respektiert sondern auch wirklich befürwortet und sich für die Sichtbarkeit von uns einsetzen würde.

 

 

 

 

weird: Ihr habt Mitglieder nicht nur aus Österreich, aber merkt ihr diese Veränderung in der Queer Rainbow Family, meint in der Facebook-Gruppe? Wie spiegelt sich die politische Stimmung in der Gruppe wider?

 

Queer Rainbow Family | Bettina Scherwitzl: Ehrlich gesagt versuchen wir in der Gruppe selbst politische Themen ein kleines bisschen außen vor zu lassen. Ja, wir freuen uns wenn wieder ein Land auf der Welt bemerkt hat, dass die Ehe für alle Normalität ist oder wir sprechen auch bspw. Über die Debatte zu J.K. Rowling und wir freuen uns auch, wenn es mal eine Diskussion zu politischen Themen gibt. Allerdings geht es unseren Gruppenmitgliedern und uns häufig um privatere Themen in der Gruppe. Unsere Mitglieder nutzen die Gruppe wirklich als Safeplace und erzählen von privaten Erlebnissen und Erfahrungen und tauschen sich über sensible Themen, wie bspw der Outing-Prozess oder die Transition aus.

 

 

 

 

weird: Wie hat sich Queer Rainbow Family, meint die Facebook-Gruppe, Inhalte etc., aber auch die Arbeit dafür, in der Pandemie-Zeit verändert?

 

Queer Rainbow Family | Bettina Scherwitzl: Während des ersten Lockdowns erhöhte sich die Anzahl an Beiträgen und die Interaktionen darunter. Da viele Mitglieder in Kurzarbeit und im Homeoffice waren oder ihren Job verloren, verbrachten sie vermehrt ihre Zeit in der Gruppe. Einige nutzten die Gruppe als Ventil für ihre Einsamkeit, andere überbrückten ihre Langeweile. Da einige Mitglieder, aufgrund der Situation dünnhäutiger wurden, versuchten wir die emotionalen Befindlichkeiten durch vermehrte Spaßbeiträge auszubalancieren, um die Mitglieder abzulenken.

 

Um den Mitgliedern weiterhin einen virtuellen Safe Place bieten zu können, starteten wir eine Umfrage, in der es darum ging, ob wir das Thema „Corona“ aus der Gruppe heraushalten sollen. Die Mitglieder entschieden mehrstimmig dafür, alles um Corona herum in unserer Gruppe keinen Platz zu bieten, was auch immer noch aktuell ist.

 

Um für die Mitglieder rund um die Uhr da sein zu können, stockten wir das Adminteam um 3 Moderatoren auf.

 

In der zweiten Welle der Pandemie haben wir die Gruppenregeln etwas entschärft und Beiträge, die weniger zu Interaktionen führen, erlaubt, um die Mitglieder zu animieren mehr zu posten und in Kontakt zu anderen zu kommen. Außerdem haben wir dreimal im Monat einen Sammelposts für Singlegesuche gestartet, um den Mitgliedern die Chance zu geben jemanden zu finden (sei es für eine Freundschaft oder, im besten Fall, fürs Herz). Und tatsächlich haben sich, während der Pandemie, ein paar Mitglieder gefunden.

 

Ebenso fanden kleine Gruppentreffen online statt und der Austausch über LGBTAI+-bezogene Serien, Filme und TV Shows bekam einen großen Platz

 

 

 

 

weird: Queer Rainbow Family ist seit Dezember 2020 ein Verein. Was hat dich zur Gründung eines Vereins bewegt?

 

Queer Rainbow Family | Bettina Scherwitzl: Ich wollte uns und unseren Mitgliedern gerne die Möglichkeit geben, das, was wir in der Gruppe haben, sprich einen festen Verband, persönlich betroffene Ratgeber und mehr als nur Sichtbarkeit, nach außen tragen zu können. Der Verein ist jetzt der nächste Schritt Sichtbarkeit und Toleranz für unsere Community erreichen zu können. Außerdem können wir durch den Weg eines Vereins, welcher ja noch einmal weitaus professioneller erscheint, noch mehr Menschen einen Safeplace anbieten. Es reicht uns nicht nur auf Facebook aktiv zu sein. Wir wollen allen auch offline die Möglichkeit geben Teil einer Familie zu sein.

 

 

 

 

weird: Als Verein habt ihr klare Zielvorstellungen. Viele eurer Ziele müssen vermutlich aufgrund der Pandemie jedoch noch etwas mit der Umsetzung warten!? Welche Punkte wollt und könnt ihr zuerst angehen?

 

Queer Rainbow Family | Bettina Scherwitzl: Nachdem wir den Vorstand des Vereins demokratisch über ein Videomeeting gewählt haben und somit der Kern unseres Teams feststand, haben wir in kurzen Abständen weitere Online-Meetings abgehalten, um zeitnahe und langfristige Ziele zu konkretisieren.

 

Wir verteilten die Aufgabenbereiche und fingen mit der Vernetzung im Internet an, indem wir viele Anlauf- und Beratungsstellen für queere Menschen, sowie Queere Organisationen, Magazine und Firmen angeschrieben haben, wodurch sich unsere Reichweite, schon jetzt, erweitert.

 

Inzwischen haben uns schon Mitglieder und Menschen von außen angeschrieben (sind übers Internet auf uns aufmerksam geworden), die sich in einer Notlage befinden oder befanden und uns um Hilfe gebeten haben und wir konnten sie mit Beratungsstellen vermitteln, zu denen wir schon in Kontakt stehen.

 

Kürzlich stellten wir ein Team, innerhalb der Facebookgruppe, von Mitgliedern zusammen, die in sozialen und therapeutischen Bereichen arbeiten und so entstand das Konzept des „Kummerkasten“. Der Kummerkasten dient dazu, Mitgliedern eine Möglichkeit zu geben, sich an ihn zu wenden, wenn sie sich einsam fühlen und jemanden zum Reden brauchen.

 

 

 

 

weird: Queer Rainbow Family hat aktuell als Facebook-Gruppe über 6300 Mitglieder. Mit rund 80 Beiträgen pro Tag. Und das in nur 1,5 Jahren. Das ist sehr viel. Und bestimmt auch sehr viel Arbeit, oder!?

 

Queer Rainbow Family | Bettina Scherwitzl: Ja, es war ein großer Aufwand, die Gruppe erstmal zum Laufen zu bringen. Nach und nach konkretisierte sich auch unser Konzept, mit Hilfe der Mitglieder. Wir befinden uns in einem dauerhaften Prozess mit einer eigenen, sehr starken Dynamik.

 

Um den Anforderungen gerecht zu werden, haben wir mittlerweile ein Adminteam von 15 Leuten, welches stets dafür sorgt, dass die Mitglieder sich wohlfühlen. Zu den Aufgaben des Adminteams gehören das aufmerksame Mitlesen, um Diskussionen gut moderieren zu können, Streit zu schlichten und für Interaktionen zu sorgen. Außerdem managen sie den Geburtstagskalender (eine App, in der wir die Geburtstage der Mitglieder sammeln, um ihnen an ihrem Ehrentag gratulieren zu können), sie halten die Gruppe von Spam und unangemessen Beiträgen fern und sind Ansprechpartner für sämtliche Gruppenmitglieder.

 

 

 

 

weird: Du sagst über die Mitglieder der Queer Rainbow Family: Unsere Gruppe hat ihnen so viel Rückhalt und Sicherheit gegeben, dass sie sich tatsächlich so leben trauen, wie sie es schon immer wollten, und als Unterstützung trugen sie unsere Mütze mit Logo oder Schlüsselanhänger, Armbänder u.v.m. Viele junge Mitglieder haben in der Schule unsere Kugelschreiber dabei. Andere tragen unser Shirt und wiederum andere trinken aus unserer Tasse, wenn sie sich zuhause einsam fühlen. Und viele finden ihre große Liebe. Beim Schreiben dieser Zeilen habe ich Gänsehaut, weil es einfach so unfassbar berührend ist, was man im Leben mit einer tollen Community erreichen kann.

Das klingt sehr empowernd. Möchtest du dem noch etwas hinzufügen?

 

Queer Rainbow Family | Bettina Scherwitzl: Eigentlich sagt das alles über uns aus. Wir wollten unseren Mitgliedern ein Gefühl von Familie, Sicherheit und Zusammenhalt vermitteln, damit diese gestärkt durchs Leben gehen können und waren dann wirklich positiv erstaunt, wie viel es uns aus dem Moderator*innen-Team auch selbst gibt, wenn Mitglieder über positive Erlebnisse dank uns sprechen oder Fotos von sich im Merchandise zeigen.

 

 

 

 

weird: Die Queer Rainbow Family auf Facebook ist aber explizit kein Ort für Datinggesuche. Wieso war dir das wichtig?

 

Queer Rainbow Family | Bettina Scherwitzl: Das ist ja einer der Störfaktoren gewesen bei meiner Suche nach Facebook-Gruppen. Ich finde, dass es außerhalb von Facebook genug explizite Plattformen nur fürs Dating gibt. Das reicht ja. Außerdem glaube ich, dass die Menschen sich leichter öffnen können, wenn es nicht darum geht potentielle Partner*innen zu finden. Außerdem sind so Partnersuchen ja auch gerne mal etwas oberflächlich und wir wollen lieber tiefsinnig sein bei uns. Aber und das freut uns natürlich wahnsinnig, es haben sich schon viele Pärchen bei uns gefunden. Die Gelegenheit sich über Diskussionen innerhalb von Postings kennen zu lernen anstatt auf eine Such-Anzeige zu reagieren finde ich viel schöner.

 

 

 

 

weird: Was wünschst du dir für die Queer Rainbow Family für die Zukunft?

 

Queer Rainbow Family | Bettina Scherwitzl: Dass wir jedem Menschen, der einen Safeplace sucht, diesen bieten können. Und ich wünsche mir, dass wir in der Gesellschaft wirklich Sichtbarkeit und Toleranz erreichen können durch den Verein.

 

 

 

 

Interview: Christine Stonat (1/2021)

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