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Vita

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A queer perspective on women in pop culture

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Zu queeren Themen dieser Ausgabe findet ihr Videos auf weirds YouTube-Kanal PLAYLIST „4/2024 Artefakt“

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Ausgesprochen

 

 

 

 

 

Feature

Miss Major

Griffin-Gracy

Ausgabe Nr. 189

April 2024

Foto: House of gg

 

Text: Christine Stonat

 

 

 

Im April finden in Deutschland die ersten CSDs der Pride Saison 2024 statt. 55 Jahre ist es her, dass sich im Juni 1969 in der New Yorker Christopher Street vor allem trans queere Schwarze der willkürlichen Polizeigewalt und Razzien widersetzten. Was in der queeren Bar Stonewall Inn begann, wurde zu tagelangen Straßenschlachten mit der Polizei. Daraus entwickelten sich der Christopher Street Day, kurz auch CSD, bzw. die Prides wie die LGBTIQA Demonstrationen und Feierlichkeiten im Englischen heißen.

 

Eine der Stammgäste des Stonewall Inn und mit dabei in vorderster Front beim Riot in der Christopher Street 1969 war u. a. die queere Schwarze trans Aktivistin und Autorin Miss Major Griffin-Gracy (83). Neben zahlreichen Projekten ist sie Gründerin und bis heute Leiterin des The Griffin-Gracy Educational and Historical Center auch bekannt als House of gg. Mit dem Haus hat sie einen Safe Space für trans Frauen of Color aus dem Süden der USA geschaffen, um ihnen eine physische, mentale, emotionale und spirituelle Heilung von durch Transfeindlichkeit, Rassismus, Sexismus, Armut, Ableismus, Gewalt etc. erfahrenen Traumata zu ermöglichen. Für viele in der Community ist sie ganz einfach die „Mama“. Die mehrfach ausgezeichnete US-Grassroots-Aktivistin ist knapp 60 Jahre in zahlreichen Organisationen aktiv gewesen, um sich für soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte von LGBTIQA, insbesondere trans BIPOC Menschen einzusetzen und Lebenssituationen zu verbessern. So u. a. das Transgender Gender-Variant & Intersex Justice Project (TGIJP) für trans Frauen of Color in kalifornischen Gefängnissen, das sie von 2004 an viele Jahre geführt hat.

 

Geboren 1940 in Chicago, outete sich Miss Major Griffin-Gracy im Alter von 13 Jahren vor ihren Eltern als trans. Nach deren Versuch sie mit Hilfe eines Psychologen sowie Exorzismus in ihrem Ich zu ändern, warfen ihre Eltern sie schließlich raus. Das Überleben sicherte ihr Se xarbeit. 1962 kam sie nach New York und fand dort im Stonewall Inn einen Safe Space. Nach dem Riot 1969 wurde Miss Major Griffin-Gracy zu fünf Jahren Haft verurteilt. Sie überlebte die Zeit in dem damals überfüllten und katastrophal geführten Männergefängnis Attica State Prison, das überwiegend mit Schwarzen Insassen belegt war, einschließlich der Gefangenenrevolte von 1971, bei der 39 Gefangene getötet und Hunderte verletzt und gefoltert wurden.

 

Die Lebens- und Schaffensgeschichte von Miss Major Griffin-Gracy wurde 2015 in der preisgekrönten Dokumentation Major! (what do we want films) filmisch verarbeitet. Zuletzt erschien 2023 ihr autobiographisches Buch in Interviewform „Miss Major Speaks: Conversations With A Black Trans Revolutionary“ (Verso Books, s. auch diese aktuelle Ausgabe Nr. 189 April 2024 „Artefakt“). Darin erzählt Miss Major u. a. auch von dem Riot im Stonewall 1969. Für ihre Mädels („gurls“, meint, die beteiligten Schwarzen trans Frauen damals) sei es jedoch, so sagt sie in ihrem Buch, als hätte Stonewall niemals stattgefunden, denn für sie habe sich bis heute nichts geändert. Die Community, die den Christopher Street Day im Folgenden initiierte, hätte sich damals geschämt sich mit den Schwarzen trans Frauen zu zeigen und wolle sie bis heute aus der Geschichte ausradieren. Sie brauche keine Gedenktafel an der Wand, die sie daran erinnere, wo sie früher war, so Miss Major. Alles, was sie sich wünsche sei Respekt. „Ich will, dass meine Erinnerung in den Herzen der Basis, den Grassroots, weiterlebt“, so Miss Major in ihrem Buch.

 

Miss Major Griffin-Gracy lebt gemeinsam mit ihrem Partner Beck Witt Major seit 2015 in Arkansas, im Süden der USA. Das Paar bekam im Januar 2021 sein erstes Baby. Miss Major selbst hat bereits zwei erwachsene Kinder. Die Schwangerschaft von Beck Witt Major (Mitte 40, weiß, trans male) machten beide 2020 öffentlich. Ihr Kind wollen sie genderneutral aufziehen. Zwei für Anfang April 2024 in den USA geplante Auftritte von Miss Major wurden aktuell aus gesundheitlichen Gründen abgesagt.

 

Online: https://houseofgg.org/about